Lied der Zeitfreiwilligen

Klabund

1926

Ich bin ein Zeitfreiwilliger Und stehle dem lieben Gott die Zeit. Es lebt sich billiger, wenn man: Nieder mit den Spartakisten schreit. Fuffzehn Märker den Tag. Daneben allens frei. Es ist ein herrliches Leben. Juchhei.

Ich verdiente mir meine Sporen Bei Kapp. Als dessen Sache verloren, Zog ich ab. Ich gehöre wieder zu den Regierungstreun Und habe den Schutz der Verfassung erkoren. Ich breche alle Eide von acht bis neun, Die ich von sieben bis acht geschworen.

Neulich bei Mechterstädt: Pst… Zeigten wir′s den Arbeiterlaffen. Falls es irgendwo ruhig ist, Muß man eben künstlich Unruhe schaffen. Laßt die Maschinengewehre streichen! Ins Kabuff. Immer feste druff. Unsere Anatomie braucht Leichen.

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Illustration zu Lied der Zeitfreiwilligen

Interpretation

Das Gedicht "Lied der Zeitfreiwilligen" von Klabund kritisiert die Rolle der sogenannten Zeitfreiwilligen während der Weimarer Republik. Diese waren paramilitärische Einheiten, die oft von rechtsgerichteten Kräften angeheuert wurden, um soziale Unruhen niederzuschlagen. Der Sprecher des Gedichts gibt offen zu, dass er "dem lieben Gott die Zeit stiehlt", was seine opportunistische und profitorientierte Haltung unterstreicht. Er betont, dass es "billiger lebt sich", wenn man gegen die Spartakisten schreit, was auf die gewaltsame Unterdrückung linker Bewegungen anspielt. Die Erwähnung von "Fuffzehn Märker den Tag" und "allens frei" verdeutlicht die finanziellen Anreize, die diese Tätigkeit bot. Der zweite Teil des Gedichts offenbart die moralische Verkommenheit des Sprechers. Er prahlt damit, sich bei Kapp seine "Sporen verdient" zu haben, was auf die Kapp-Putsch von 1920 anspielt, einen gescheiterten Putsch rechter Freikorps gegen die Weimarer Regierung. Nach dem Scheitern des Putsches wechselt der Sprecher die Seiten und gibt vor, sich der Verfassung zu verschreiben, bricht aber gleichzeitig "alle Eide von acht bis neun". Dieses Verhalten verdeutlicht die fehlende moralische Integrität und den reinen Opportunismus der Zeitfreiwilligen. Der letzte Abschnitt des Gedichts zeigt die brutale Realität ihrer Tätigkeit. Die "Arbeiterlaffen" werden als minderwertig dargestellt, die es zu "zeigen" gilt. Die Zeile "Falls es irgendwo ruhig ist, muß man eben künstlich Unruhe schaffen" offenbart die manipulative Natur ihrer Arbeit. Der Aufruf "Laßt die Maschinengewehre streichen! Ins Kabuff. Immer feste druff." verdeutlicht die Gewaltbereitschaft und den brutalen Umgang mit Gegnern. Der abschließende Satz "Unsere Anatomie braucht Leichen" ist eine zynische Aussage, die die menschenverachtende und lebensfeindliche Haltung der Zeitfreiwilligen auf den Punkt bringt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anspielung
Neulich bei Mechterstädt: Pst...
Bildlichkeit
Laßt die Maschinengewehre streichen! Ins Kabuff
Direkte Rede
Nieder mit den Spartakisten schreit
Hyperbel
Es ist ein herrliches Leben. Juchhei.
Ironie
Es lebt sich billiger, wenn man: Nieder mit den Spartakisten schreit
Kontrast
Ich breche alle Eide von acht bis neun, Die ich von sieben bis acht geschworen
Metapher
Unsere Anatomie braucht Leichen
Personifikation
Und stehle dem lieben Gott die Zeit
Wiederholung
Immer feste druff