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Lied der Zeitfreiwilligen

Von

Ich bin ein Zeitfreiwilliger
Und stehle dem lieben Gott die Zeit.
Es lebt sich billiger, wenn man:
Nieder mit den Spartakisten schreit.
Fuffzehn Märker den Tag.
Daneben allens frei.
Es ist ein herrliches Leben.
Juchhei.

Ich verdiente mir meine Sporen
Bei Kapp.
Als dessen Sache verloren,
Zog ich ab.
Ich gehöre wieder zu den Regierungstreun
Und habe den Schutz der Verfassung erkoren.
Ich breche alle Eide von acht bis neun,
Die ich von sieben bis acht geschworen.

Neulich bei Mechterstädt: Pst…
Zeigten wir′s den Arbeiterlaffen.
Falls es irgendwo ruhig ist,
Muß man eben künstlich Unruhe schaffen.
Laßt die Maschinengewehre streichen! Ins Kabuff.
Immer feste druff.
Unsere Anatomie braucht Leichen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Lied der Zeitfreiwilligen von Klabund

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Lied der Zeitfreiwilligen“ von Klabund ist eine bissige Satire, die die Ideologie und das Verhalten der Freikorps-Angehörigen in der Weimarer Republik karikiert. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Bild einer Gruppe von Menschen, die sich durch Gewalt, Opportunismus und Zynismus auszeichnen, um ihren eigenen Vorteil zu suchen und dabei die Werte der Gesellschaft mit Füßen treten.

Der erste Teil des Gedichts führt den Leser in die Welt des Zeitfreiwilligen ein, der die Zeit, die „dem lieben Gott“ gehört, stiehlt und sie auf zynische Weise nutzt. Das „billige Leben“ wird durch die Bereitschaft zum „Nieder mit den Spartakisten schreien“ und den finanziellen Anreiz von „Fuffzehn Märker den Tag“ sowie „allens frei“ verlockend dargestellt. Hier wird der Opportunismus der Zeitfreiwilligen offenbart, die bereit sind, sich für geringe materielle Vorteile zu verkaufen und politische Ideale zu verraten. Das „Juchhei“ am Ende des ersten Teils ist ein zynischer Ausruf, der die vermeintliche Freude an dieser Lebensweise ironisch hervorhebt.

Der zweite Teil des Gedichts zeigt die politische Beweglichkeit des Zeitfreiwilligen. Er wechselt die Seiten, je nachdem, welche ihm gerade Vorteile versprechen. Die Erfahrung bei Kapp, dessen „Sache verloren“ war, und der anschließende Übertritt zu den „Regierungstreuen“ zeigen die fehlende Loyalität und das Fehlen jeglicher moralischer Skrupel. Das „Brechen aller Eide“ von acht bis neun, die er von sieben bis acht geschworen hat, unterstreicht die Verachtung für Werte wie Ehrlichkeit und Treue.

Der dritte Teil des Gedichts ist der Höhepunkt der Zynik und Gewaltbereitschaft. Die brutalen Aktionen in Mechterstädt, das „Zeigen wir’s den Arbeiterlaffen“ und die Aufforderung, „künstlich Unruhe zu schaffen“, wenn es ruhig ist, zeigen die menschenverachtende Gesinnung der Zeitfreiwilligen. Die Metaphern „Laßt die Maschinengewehre streichen!“ und „Unsere Anatomie braucht Leichen“ offenbaren das ungezügelte Gewaltpotenzial und die völlige Verachtung des Lebens. Klabunds Sprache ist prägnant, direkt und voller Ironie, wodurch die Absurdität und das Grauen dieser Welt umso deutlicher werden. Das Gedicht ist eine scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen der Weimarer Republik und an den Akteuren, die diese Verhältnisse mit Gewalt und Zynismus ausnutzten.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.