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Die zwei Gesellen

Von

Es zogen zwei rüstge Gesellen
Zum erstenmal von Haus,
So jubelnd recht in die hellen,
Klingenden, singenden Wellen
Des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
Die wollten, trotz Lust und Schmerz,
Was Rechts in der Welt vollbringen,
Und wem sie vorübergingen,
Dem lachten Sinn und Herz. –

Der erste, der fand ein Liebchen,
Die Schwieger kauft′ Hof und Haus;
Der wiegte gar bald ein Bübchen,
Und sah aus heimlichem Stübchen
Behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
Die tausend Stimmen im Grund,
Verlockend′ Sirenen, un zogen
Ihn in der buhlenden Wogen
Farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht vom Schlunde,
Da war er müde und alt,
Sein Schifflein das lag im Grunde,
So still wars rings in der Runde,
Und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen
Des Frühlings wohl über mir;
Und seh ich so kecke Gesellen,
Die Tränen im Auge mir schwellen –
Ach Gott, führ mich liebreich zu Dir!

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Gedicht: Die zwei Gesellen von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die zwei Gesellen“ von Joseph von Eichendorff erzählt die Geschichte zweier junger Männer, die in die Welt hinausziehen, um ihre Ideale zu verwirklichen. Das Gedicht ist eine Parabel über unterschiedliche Lebenswege und die damit verbundenen Konsequenzen. Es beginnt mit einer optimistischen Schilderung des Aufbruchs, der von jugendlichem Enthusiasmus und dem Wunsch nach Veränderung geprägt ist. Die „klingenden, singenden Wellen des vollen Frühlings“ symbolisieren die Lebensfreude und die vielfältigen Möglichkeiten, die sich den beiden Gesellen bieten. Die Hoffnung, „hohe Dinge“ zu erreichen und die Welt zu verändern, kennzeichnet ihre anfängliche Motivation.

Die erste Hälfte des Gedichts kontrastiert die Wege der beiden Gesellen deutlich. Der erste findet Liebe und gründet eine Familie. Er wird sesshaft und betrachtet sein Leben aus dem behaglichen Blickwinkel seines Heims. Dieses Bild steht für eine bürgerliche Existenz, die Sicherheit, Geborgenheit und materielle Werte in den Vordergrund stellt. Der zweite Geselle hingegen wird von den verführerischen „Sirenen“ des Lebens angezogen, von einer Welt, in der Abenteuer, Leidenschaft und das Unbekannte locken. Er lässt sich von den „buhlenden Wogen“ verführen und geht letztendlich zugrunde. Die Verwendung von Begriffen wie „Schlund“ und „müde und alt“ deutet auf einen Verlust an Vitalität und Lebensfreude hin, was durch das Scheitern seines Traumes hervorgerufen wird.

Die tragische Erfahrung des zweiten Gesellen offenbart die Kehrseite des Abenteuers und der Erfüllung scheinbar unkonventioneller Lebensentwürfe. Die Metapher des Meeres, in dem das „Schifflein“ sinkt, steht für den Verlust von Idealen, Jugend und Lebensglück. Die Stille und Kälte, die den zweiten Gesellen umgeben, symbolisieren die Einsamkeit und das Gefühl der Leere, die nach dem Scheitern zurückbleiben. Der Kontrast zwischen den beiden Lebensentwürfen verdeutlicht, dass nicht jeder Weg zur Erfüllung führt und dass die Wahl des Lebensweges entscheidend für das persönliche Glück ist.

Das Gedicht endet mit einer Reflexion des Erzählers, der sich nach dem Betrachten der jungen Gesellen mit Tränen in den Augen an Gott wendet. Dieser letzte Teil des Gedichts offenbart die tiefe Sehnsucht nach einem sinnerfüllten und geborgenen Leben, welches von beiden Gesellen so nicht gefunden wurde. Die Tränen des Erzählers können als Ausdruck von Mitleid, aber auch von der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und der Unvermeidlichkeit des Lebens betrachtet werden. Die Schlusszeilen drücken den Wunsch nach Führung und Erlösung aus, was die tiefe Melancholie und die religiöse Dimension des Gedichts unterstreicht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.