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Die späte Hochzeit

Von

Der Mond ging unter – jetzt ist′s Zeit. –
Der Bräutgam steigt vom Roß,
Er hat so lange schon gefreit –
Da tut sich auf das Schloß,
Und in der Halle sitzt die Braut
Auf diamantnem Sitz,
Von ihrem Schmuck tut′s durch den Bau
Ein′n langen roten Blitz. –

Blass′ Knaben warten schweigend auf,
Still′ Gäste stehn herum,
Da richt′t die Braut sich langsam auf,
So hoch und bleich und stumm.
Sie schlägt zurück ihr Goldgewand,
Da schauert ihn vor Lust,
Sie langt mit kalter, weißer Hand
Das Herz ihm aus der Brust.

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Gedicht: Die späte Hochzeit von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Die späte Hochzeit“ von Joseph von Eichendorff entwirft eine düstere Szenerie, die von Anfang an durch den Untergang des Mondes und die späte Stunde eine unheimliche Atmosphäre schafft. Der Bräutigam, der nach langer Zeit endlich sein Ziel erreicht, betritt ein Schloss, in dem eine Braut auf ihn wartet. Doch die Beschreibung der Braut und ihrer Umgebung offenbart bereits eine abgründige Tragik, die weit über eine traditionelle Hochzeitserwartung hinausgeht.

Die Braut sitzt auf einem diamantenen Sitz, ihr Schmuck wirft „einen langen roten Blitz“, ein Hinweis auf die gefährliche Schönheit und die damit verbundene Todesgefahr. Die Anwesenheit blasser Knaben und stiller Gäste verstärkt das Gefühl des Unheimlichen. Diese Szenerie suggeriert eine übernatürliche oder jenseitige Dimension. Die Braut, hoch und bleich und stumm, erhebt sich und offenbart ihre wahre Natur, indem sie dem Bräutigam mit kalter Hand das Herz aus der Brust reißt. Dieser Akt ist der Höhepunkt des Gedichts und die Erfüllung der düsteren Vorahnungen, die der Leser im Verlauf des Gedichts empfunden hat.

Eichendorff bedient sich hier der romantischen Stilmittel, um eine Atmosphäre des Mysteriösen und Grausamen zu erzeugen. Die Symbolik ist von großer Bedeutung: Der Mond als nächtliches Gestirn und das Schloss als Ort des Geheimnisvollen, die Braut als Verkörperung der Todesnähe. Die „kalte, weiße Hand“ und der „lange rote Blitz“ sind starke bildliche Darstellungen, die die Gewalt und die Tragik der Szene verdeutlichen. Das Gedicht spielt mit den Erwartungen des Lesers und wandelt die traditionelle Hochzeitsmetapher in eine makabre Darstellung der Vereinigung mit dem Tod um.

Das Gedicht kann als Allegorie auf die Sehnsucht nach dem Tod, die Vergänglichkeit des Lebens oder eine zerstörerische Liebesbeziehung interpretiert werden. Es handelt von einer Sehnsucht, die sich in etwas Unheilvollem manifestiert, und von der tragischen Erfüllung eines Wunsches, der mit dem Verlust des Lebens einhergeht. Die „späte Hochzeit“ symbolisiert hier nicht die Erfüllung, sondern das Ende, die Auflösung, die kalte Umarmung des Todes, dargestellt durch die untote Braut. Das Gedicht hinterlässt ein Gefühl von Beklemmung und verdeutlicht die dunklen Seiten der menschlichen Seele und die unheimlichen Facetten des Lebens.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.