Der Winzer
Es hat die Nacht geregnet,
Es zog noch grau ins Tal,
Und ruhten still gesegnet
Die Felder überall;
Von Lüften kaum gefächelt,
Durchs ungewisse Blau
Die Sonne verschlafen lächelt′
Wie eine wunderschöne Frau.
Nun sah ich auch sich heben
Aus Nebeln unser Haus,
Du dehntest zwischen den Reben
Dich von der Schwelle hinaus,
Da funkelt′ auf einmal vor Wonne
Der Strom und Wald und Au –
Du bist mein Morgen, meine Sonne,
Meine liebe, verschlafene Frau!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Winzer“ von Joseph von Eichendorff entwirft ein idyllisches Bild eines erwachenden Morgens in einer Weinregion, welches eng mit der Liebe und Zuneigung des lyrischen Ichs zu seiner Frau verwoben ist. Die Natur und die Frau werden auf kunstvolle Weise miteinander verschmolzen, sodass die Schönheit der Landschaft als Spiegelbild der geliebten Person erscheint. Die sanfte, fast verträumte Atmosphäre wird durch die Wahl der Worte wie „grau“, „ruhten still gesegnet“, „verschlafen lächelt“ und „Nebeln“ erzeugt, die eine friedliche und fast träumerische Stimmung erzeugen.
Die erste Strophe beschreibt die Natur nach einem Regenschauer. Die stille, gesegnete Landschaft, die von der Sonne mit einem „verschlafenen Lächeln“ begrüßt wird, bildet den Hintergrund für die Liebeserklärung des lyrischen Ichs. Die Verwendung von Metaphern, insbesondere die Personifizierung der Sonne als „wunderschöne Frau“, bereitet auf die anschließende Verbindung mit der eigenen Frau vor. Der Übergang zur zweiten Strophe markiert den Beginn der direkten Ansprache und die Identifizierung der Geliebten.
In der zweiten Strophe richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Haus des Erzählers, das sich langsam aus dem Nebel erhebt. Die Frau wird als Teil dieser erwachenden Welt dargestellt, die sich zwischen den Reben dehnt. Der Moment des Erwachens wird durch das Funkeln der Natur und die folgende Liebeserklärung mit dem Hinweis auf „Strom, Wald und Au“ zu einem Höhepunkt. Die Verbindung zwischen der Landschaft, dem Morgen und der geliebten Frau wird in den letzten Zeilen in einer direkten und liebevollen Anrede manifestiert.
Die Struktur des Gedichts ist einfach, mit einem klaren Aufbau von Beschreibung zur direkten Ansprache. Der Reim – meistens Kreuzreim – und die sanfte Sprache unterstreichen die Idylle und die innige Verbundenheit des Erzählers mit seiner Frau und der Natur. Das Gedicht ist ein Loblied auf die Schönheit des Morgens und die Liebe, die beide in einer harmonischen Einheit verschmelzen. Die Frau verkörpert die Wärme und das Licht, die der Morgen symbolisiert, und wird somit zur zentralen Figur des Gedichts, dessen Schönheit und Anmut die Natur widerspiegelt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.