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Der Unverbesserliche

Von

Ihr habt den Vogel gefangen,
Der war so frank und frei,
Nun ist ihms Fliegen vergangen,
Der Sommer ist lange vorbei.

Es liegen wohl Federn neben
Und unter und über mir,
Sie können mich alle nicht heben
Aus diesem Meer von Papier.

Papier! wie hör ich dich schreien,
Da alles die Federn schwenkt
In langen, emsigen Reihen –
So wird der Staat nun gelenkt.

Mein Fenster am Pulte steht offen,
Der Sonnenschein schweift übers Dach,
Da wird so uraltes Hoffen
Und Wünschen im Herzen wach.

Die lustigen Kameraden,
Lerchen, Quellen und Wald,
Sie rauschen schon wieder und laden:
Geselle, kommst du nicht bald?

Und wie ich durch die Gardinen
Hinaussah in keckem Mut,
Da hört ich Lachen im Grünen,
Ich kannte das Stimmlein recht gut.

Und wie ich hinaustrat zur Schwelle,
Da blühten die Bäume schon all
Ein Liebchen, so frühlingshelle,
Saß drunter beim Vogelschall.

Und eh wir uns beide besannen,
Da wiehert′ das Flügelroß –
Wir flogen selbander von dannen,
Daß es unten die Schreiber verdroß.

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Gedicht: Der Unverbesserliche von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Unverbesserliche“ von Joseph von Eichendorff ist eine melancholische Reflexion über die Unfähigkeit, aus eingefahrenen Mustern auszubrechen und die Sehnsucht nach Freiheit und unbeschwerter Natur. Das lyrische Ich, ein „Vogel“ im übertragenen Sinne, ist in den Fängen einer unfreien, bürokratischen Welt gefangen, dargestellt durch das „Meer von Papier“. Der Titel deutet bereits die tragische Unveränderlichkeit des Protagonisten an, der, trotz aller Sehnsucht, scheinbar nicht in der Lage ist, seine Situation zu ändern.

Die ersten Strophen beschreiben die Gefangenschaft des lyrischen Ichs. Der „Vogel“ ist gefangen, „der Sommer ist lange vorbei“, was die Vergangenheit und das verlorene Glück symbolisiert. Die „Federn“ neben ihm können ihn nicht „heben“, was die Unfähigkeit des Ichs verdeutlicht, sich aus dem Umfeld des „Meers von Papier“ zu befreien. Die Metapher des Papiers steht für die Welt der Bürokratie, der Arbeit und der Pflichten, die das Individuum einengen und von der Natur entfremden. Das „Schreien“ des Papiers unterstreicht die Zwanghaftigkeit und Belastung dieser Welt.

Die weiteren Strophen zeigen die Sehnsucht nach Freiheit und Natur. Das lyrische Ich sehnt sich nach dem Sonnenschein, der Natur und den „lustigen Kameraden“, Lerchen, Quellen und Wald. Diese Elemente repräsentieren die unbeschwerte Lebensweise, die Freude und die Freiheit, nach denen sich das Ich sehnt. Die Frage „Geselle, kommst du nicht bald?“ offenbart die tiefe Sehnsucht nach Gemeinschaft und einem Leben außerhalb der bürokratischen Zwänge. Das „uralte Hoffen“ und „Wünschen“ im Herzen des Ichs zeigen, dass diese Sehnsucht tief in ihm verankert ist.

Die abschließenden Strophen deuten einen flüchtigen Moment der Freiheit an. Das lyrische Ich sieht durch die „Gardinen“ hinaus und hört das „Lachen im Grünen“. Es tritt hinaus und trifft auf ein „Liebchen“ unter blühenden Bäumen und Vogelgesang. Die Anspielung auf das Flügelroß (Pegasus) verstärkt das Bild der plötzlichen Freiheit und des Entschwebens. Der Moment des Ausbruchs wird jedoch durch die abschließende Zeile „Daß es unten die Schreiber verdroß“ relativiert. Die Reaktion der Schreiber suggeriert, dass die Freiheit nur von kurzer Dauer ist und das lyrische Ich wahrscheinlich wieder in seine alten Muster zurückkehren wird, wodurch der Titel „Der Unverbesserliche“ tragische Gültigkeit erlangt. Das Gedicht vereint somit Sehnsucht, Freiheit und die Erkenntnis der eigenen Unveränderlichkeit zu einem melancholischen Gesamtbild.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.