Der Skeptiker spricht
Halb ist dein Leben um,
der Zeiger rückt, die Seele schaudert dir!
Lang schweift sie schon herum
und sucht und fand nicht – und sie zaudert hier?
Halb ist dein Leben um:
Schmerz wars und Irrtum, Stund um Stund dahier!
Was suchst du noch? Warum? – –
Dies eben such ich – Grund um Grund dafür!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Skeptiker spricht“ von Friedrich Nietzsche reflektiert die innere Zerrissenheit und die Suche nach Sinn im Leben aus der Perspektive eines Zweiflers, der sich am Scheideweg befindet. Die Struktur des Gedichts, mit zwei Strophen von jeweils vier Versen, verstärkt den Eindruck der dialektischen Auseinandersetzung. Die Verwendung von rhetorischen Fragen und die wiederholte Betonung des „Halb ist dein Leben um“ unterstreichen die Dringlichkeit und die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.
Die erste Strophe stellt die Bilanz des bisherigen Lebens dar. Der Zeiger, ein Symbol für die fortschreitende Zeit, rückt vor, während die Seele schaudert. Die Seele hat schon lange auf der Suche nach etwas Bestimmtem herumgeschweift, ohne jemals etwas gefunden zu haben. Der Zustand der Verunsicherung und des Zögerns, des „Zauderns“, wird betont. Es ist ein Leben, das von einem ständigen Mangel an Erfüllung und einer tiefliegenden Unruhe geprägt ist.
Die zweite Strophe vertieft die Analyse. Die bisherige Lebenszeit wird als „Schmerz wars und Irrtum, Stund um Stund dahier!“ charakterisiert, was eine sehr negative Bilanz zieht. Die entscheidende Frage, „Was suchst du noch? Warum?“, signalisiert die Suche nach einem tieferen Verständnis und einer Rechtfertigung für das eigene Dasein. Die überraschende Antwort „Dies eben such ich – Grund um Grund dafür!“ offenbart die paradoxe Natur des Skeptikers. Er sucht nicht nach Antworten im traditionellen Sinne, sondern nach Gründen für seine Zweifel, nach einer Bestätigung seiner Skepsis selbst.
Das Gedicht fängt die innere Spannung des Intellektuellen ein, der, statt nach klaren Antworten, nach Gründen für sein Zögern und seine Unsicherheit sucht. Es ist ein Aufruf zur kritischen Selbstreflexion und eine Verweigerung der einfachen Antworten. Die Kürze des Gedichts, die präzise Sprache und die rhythmische Struktur verstärken die Intensität der Fragestellung und laden den Leser ein, sich mit den eigenen Zweifeln auseinanderzusetzen. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Sinn, die keine vorgefertigten Lösungen anbietet, sondern die Suche selbst zum Inhalt macht.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.