Zwischenreich

Theodor Storm

1843

Meine ausgelaßne Kleine, Ach, ich kenne sie nicht mehr; Nur mit Tanten und Pastoren Hat das liebe Herz Verkehr.

Jene süße Himmelsdemut, Die der Sünder Hoffart schilt, Hat das ganze Schelmenantlitz Wie mit grauem Flor verhüllt.

Ja, die brennend roten Lippen Predigen Entsagung euch; Diese gar zu schwarzen Augen Schmachten nach dem Himmelreich.

Auf die Tiziansche Venus Ist ein Heil′genbild gemalt; Ach, ich kenne sie nicht wieder, Die so schön mit uns gedahlt.

Nirgends mehr für blaue Märchen Ist ein einzig Plätzchen leer; Nur Traktätlein und Asketen Liegen haufenweis umher.

Wahrlich, zum Verzweifeln wär es - Aber, Schatz, wir wissen schon, Deinen ganzen Götzenplunder Wirft ein einz′ger Mann vom Thron.

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Illustration zu Zwischenreich

Interpretation

Das Gedicht "Zwischenreich" von Theodor Storm beschreibt den Wandel eines einst lebensfrohen Mädchens, das nun von religiösem Eifer erfüllt ist. Der Sprecher beklagt den Verlust der kindlichen Unschuld und der natürlichen Schönheit des Mädchens, die durch asketische Frömmigkeit ersetzt wurde. Die einst süße und demütige Natur des Mädchens wird nun von einer strengen, selbstgerechten Religiosität überschattet, die dem Sprecher fremd und unnatürlich erscheint. Das Gedicht verwendet starke Kontraste, um den Wandel des Mädchens zu verdeutlichen. Die "brennend roten Lippen" predigen nun "Entsagung", und die "schwarzen Augen" sehnen sich nach dem "Himmelreich". Diese Bilder stehen in scharfem Kontrast zu der früheren, natürlichen Schönheit des Mädchens, die mit einer Tizianschen Venus verglichen wird. Die Erwähnung von "Traktätlein und Asketen" anstelle von "blauen Märchen" unterstreicht den Verlust der kindlichen Fantasie und den Ersatz durch religiöse Texte und asketische Lebensweise. Das Gedicht endet mit einer ironischen Note, die darauf hindeutet, dass die strenge Religiosität des Mädchens letztlich von einem "einzigen Mann" vom Thron gestürzt werden wird. Dies könnte als Hinweis auf die Vergänglichkeit solcher extremen religiösen Überzeugungen und die Rückkehr zu einem natürlicheren, menschlicheren Lebensstil interpretiert werden. Der Sprecher scheint zuversichtlich zu sein, dass die kindliche Unschuld und Schönheit des Mädchens letztendlich wieder zum Vorschein kommen werden, sobald der Einfluss der strengen Religiosität überwunden ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Kontrast
Gar zu schwarzen Augen / Schmachten nach dem Himmelreich
Metapher
Deinen ganzen Götzenplunder / Wirft ein einz′ger Mann vom Thron
Personifikation
Das liebe Herz Verkehr
Vergleich
Wie mit grauem Flor verhüllt