Zwiegespräch
1914Mein Gott, ich suche dich. Sieh mich vor deiner Schwelle knien Und Einlaß betteln. Sieh, ich bin verirrt, mich reißen tausend Wege fort ins Blinde, Und keiner trägt mich heim. Laß mich in deiner Gärten Obdach fliehn, Daß sich in ihrer Mittagsstille mein versprengtes Leben wiederfinde. Ich bin nur stets den bunten Lichtern nachgerannt, Nach Wundern gierend, bis mir Leben, Wunsch und Ziel in Nacht verschwunden. Nun graut der Tag. Nun fragt mein Herz in seiner Taten Kerker eingespannt Voll Angst den Sinn der wirren und verbrausten Stunden. Und keine Antwort kommt. Ich fühle, was mein Bord an letzten Frachten trägt, In Wetterstürmen ziellos durch die Meere schwanken, Und das im Morgen kühn und fahrtenfroh sich wiegte, meines Lebens Schiff zerschlägt An dem Magnetberg eines irren Schicksals seine Planken. –
Still, Seele! Kennst du deine eigne Heimat nicht? Sieh doch: du bist in dir. Das ungewisse Licht, Das dich verwirrte, war die ewige Lampe, die vor deines Lebens Altar brennt. Was zitterst du im Dunkel? Bist du selber nicht das Instrument, Darin der Aufruhr aller Töne sich zu hochzeitlichem Reigen schlingt? Hörst du die Kinderstimme nicht, die aus der Tiefe leise dir entgegensingt? Fühlst nicht das reine Auge, das sich über deiner Nächte wildste beugt – O Brunnen, der aus gleichen Eutern trüb und klare Quellen säugt, Windrose deines Schicksals, Sturm, Gewitternacht und sanftes Meer, Dir selber alles: Fegefeuer, Himmelfahrt und ewige Wiederkehr – Sieh doch, dein letzter Wunsch, nach dem dein Leben heiße Hände ausgerenkt, Stand schimmernd schon am Himmel deiner frühsten Sehnsucht aufgesteckt. Dein Schmerz und deine Lust lag immer schon in dir verschlossen wie in einem Schrein, Und nichts, was jemals war und wird, das nicht schon immer dein.
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Interpretation
Das Gedicht "Zwiegespräch" von Ernst Stadler beschreibt einen tiefen inneren Konflikt und die Suche nach Sinn und Zugehörigkeit. Der Sprecher beginnt in einer Position der Verzweiflung und des Verlusts, kniend vor einer metaphorischen Schwelle, um Einlass zu erbitten. Er fühlt sich von zahlreichen Wegen ins Ungewisse getrieben und sehnt sich nach einem Ort der Ruhe und Wiederherstellung. Die Bilder des Verlorenseins und der ziellosen Suche nach Wundern und Lichtern unterstreichen ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und der vergeblichen Bemühungen, einen Sinn im Leben zu finden. Im zweiten Teil des Gedichts erfolgt eine Wendung, als eine innere Stimme den Sprecher zur Besinnung auffordert. Diese Stimme erinnert ihn daran, dass die Antworten und der Trost, nach denen er sucht, bereits in ihm selbst zu finden sind. Die Metapher der "ewigen Lampe" vor dem Altar des Lebens deutet auf eine innere Quelle der Führung und des Lichts hin, die stets vorhanden war. Die Aufforderung, die eigene Identität und die eigene Heimat in sich selbst zu erkennen, markiert einen Übergang von der äußeren Suche zur inneren Einkehr. Der abschließende Teil des Gedichts betont die Vollständigkeit und den Reichtum des eigenen Inneren. Der Sprecher wird daran erinnert, dass alle Erfahrungen, Emotionen und Wünsche, die sein Leben prägen, bereits in ihm angelegt waren. Die Metapher des Brunnens, der sowohl trübe als auch klare Quellen speist, symbolisiert die Dualität und Komplexität des menschlichen Daseins. Die Erkenntnis, dass alles, was war und sein wird, bereits in ihm selbst existiert, schließt den Kreis der Suche und führt zu einer tiefen Akzeptanz und Selbstverständigung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- apostrophe
- Mein Gott, ich suche dich
- metapher
- Nichts, was jemals war und wird, das nicht schon immer dein
- personifikation
- Und keiner trägt mich heim