Zweites Lied von der alten Waschfrau

Adelbert von Chamisso

1886

Es hat euch anzuhören wohl behagt, Was ich von meiner Waschfrau euch gesagt; Ihr habt′s für eine Fabel wohl gehalten? Fürwahr, mir selbst erscheint sie fabelhaft; Der Tod hat längst sie alle hingerafft, Die jung zugleich gewesen mit den Alten.

Dies werdende Geschlecht, es kennt sie nicht Und geht an ihr vorüber ohne Pflicht Und ohne Lust, sich ihrer zu erbarmen. Sie steht allein. Der Arbeit zu gewohnt, Hat sie, solang′ es ging, sich nicht geschont; Jetzt aber, wehe der vergess′nen Armen!

Jetzt drückt darnieder sie der Jahre Last; Noch emsig thätig, doch entkräftet fast Gesteht sie ein: “So kann′s nicht lange währen. Mag′s werden, wie′s der liebe Gott bestimmt; Wenn er nicht gnädig bald mich zu sich nimmt, - Nicht schafft′s die Hand mehr - muss er mich ernähren.”

Solang′ sie rüstig noch beim Waschtrog stand, War für den Dürst′gen offen ihre Hand; Da mochte sie nicht rechnen und nicht sparen. Sie dachte bloß: “Ich weiß, wie Hunger thut.” - Vor eure Füsse leg′ ich meinen Hut, Sie selber ist im Betteln unerfahren.

Ihr Fraun und Herrn, Gott lohn′ es euch zumal, Er geb′ euch dieses Weibes Jahre Zahl Und spät dereinst ein gleiches Sterbekissen! Denn wohl vor allem, was man Güter heißt, Sind′s diese beiden, die man billig preist: Ein hohes Alter und ein rein Gewissen.

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Illustration zu Zweites Lied von der alten Waschfrau

Interpretation

Das Gedicht "Zweites Lied von der alten Waschfrau" von Adelbert von Chamisso thematisiert das Schicksal einer alten, vergessenen Frau, die einst als fleißige Waschfrau gearbeitet hat. Es schildert ihren körperlichen Verfall und ihre Notlage im Alter, als sie nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu versorgen. Die Waschfrau, die einst anderen geholfen hat, steht nun selbst allein da und ist auf die Hilfe anderer angewiesen. Das Gedicht kritisiert die Gleichgültigkeit der jüngeren Generation gegenüber den Alten und Armen und appelliert an das Mitgefühl und die Großzügigkeit der Leser. Das Gedicht zeichnet ein düsteres Bild vom Alter und von der Vergänglichkeit des Lebens. Die Waschfrau, die einst voller Kraft und Tatendrang war, ist nun von den Jahren gebeugt und entkräftet. Sie gesteht ein, dass sie nicht mehr lange durchhalten kann und hofft auf Gottes Gnade oder die Unterstützung anderer, um nicht zu verhungern. Das Gedicht unterstreicht die Verletzlichkeit und Abhängigkeit alter Menschen und die Notwendigkeit, sich um sie zu kümmern und ihnen zu helfen. Im letzten Teil des Gedichts wendet sich der Erzähler direkt an die Leser und bittet sie, der alten Waschfrau zu helfen. Er lobt ihre frühere Großzügigkeit und Selbstlosigkeit und appelliert an deren Dankbarkeit und Mitgefühl. Das Gedicht schließt mit einem Segenswunsch für die Leser, in der Hoffnung, dass sie selbst ein langes Leben und ein reines Gewissen haben mögen. Es betont die Bedeutung von Mitgefühl und Fürsorge für die Schwachen und Bedürftigen in der Gesellschaft.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Die jung zugleich gewesen mit den Alten.
Apostrophe
Ihr Fraun und Herrn, Gott lohn' es euch zumal,
Hyperbel
Sie steht allein.
Ironie
Fürwahr, mir selbst erscheint sie fabelhaft;
Metapher
Ein hohes Alter und ein rein Gewissen.
Parallelismus
Sind's diese beiden, die man billig preist:
Personifikation
Mag's werden, wie's der liebe Gott bestimmt;