Zweite Silbe

Marianne von Willemer

1784

Im Zimmer bin ich comfortable Und häufig nur ein einzig Blatt; Im Land der Gluten und der Nebel Ist wohl kein Haus, das mich nicht hat.

Befriedigend ist meine Größe Und niedlich meine Kleinigkeit, Man deckt oft meine schöne Blöße Mit einem noch viel schönern Kleid.

Oft fürcht′ ich unter Last zu brechen, Oft bin ich leider völlig leer, Oft bin ich ausgewählt zum Zechen, Oft von zu vielem Gelde schwer.

Mein Reich hat viele Untertanen, Mich sucht die Faulheit und der Fleiß, Die wandeln still um meine Bahnen, Die ich zu interessieren weiß.

Heut wagt′ ich leise herzuschleichen Und folgte still der Ersten nach. Das Ganze scheint mir zwar zu gleichen, Doch ist es freilich mir zur Schmach.

Nur um in deiner Näh′ zu weilen Verstand ich mich zu dem Verein. Wir wollen uns auch gleich zerteilen, Wenn wir, geteilt, dich mehr erfreu′n.

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Illustration zu Zweite Silbe

Interpretation

Das Gedicht "Zweite Silbe" von Marianne von Willemer ist ein kunstvolles Rätselgedicht, das sich um die Lösung des Wortes "Tisch" dreht. Die Autorin beschreibt den Tisch in verschiedenen Kontexten und Situationen, wobei sie seine Vielseitigkeit und Bedeutung im Alltag hervorhebt. Die erste Strophe deutet an, dass der Tisch in einem Zimmer bequem ist und oft nur ein einziges Blatt hat, was auf die Tischplatte anspielt. Im Land der Gluten und Nebel, also in der Küche, hat wohl kein Haus einen Tisch nicht. In der zweiten Strophe wird die Größe und Kleinigkeit des Tisches beschrieben, wobei seine Befriedigung in beiden Aspekten liegt. Die schöne Blöße des Tisches, also die unbedeckte Oberfläche, wird oft mit einem noch schöneren Kleid, dem Tischtuch, bedeckt. Die dritte Strophe thematisiert die verschiedenen Belastungen, denen ein Tisch ausgesetzt sein kann. Manchmal fürchtet er unter der Last zu brechen, wenn viele Gäste am Tisch sitzen, und manchmal ist er völlig leer, wenn niemand da ist. Der Tisch wird auch zum Zechen ausgewählt, wenn man feiert, und ist manchmal von zu vielem Gelde schwer, wenn viele Gäste Geschenke oder Geld mitbringen. Die vierte Strophe beschreibt das Reich des Tisches, das viele Untertanen hat, also die Menschen, die sich um ihn versammeln. Sowohl die Faulheit als auch der Fleiß suchen den Tisch auf, sei es zum Ausruhen oder zum Arbeiten. Die Menschen wandeln still um seine Bahnen, also sitzen an ihm, und der Tisch weiß, wie er sie interessiert, indem er ihnen als Treffpunkt und Arbeitsfläche dient. In der fünften Strophe wagt sich der Tisch leise heran und folgt der Ersten nach, was auf die erste Silbe des Wortes "Tisch" anspielt. Das Ganze, also der Tisch, scheint der Autorin zwar zu gleichen, doch ist es ihr zur Schmach, da sie sich in der Lösung des Rätsels getäuscht hat. Die letzte Strophe offenbart den wahren Grund für die Teilnahme der Autorin am Verein, der sich mit dem Rätsel beschäftigt. Sie wollte nur in der Nähe des Tisches weilen und sich mit ihm beschäftigen. Die Autorin und der Tisch wollen sich gleich zerteilen, also in ihre Bestandteile auflösen, wenn sie, geteilt, den Leser mehr erfreuen. Dies deutet darauf hin, dass die Lösung des Rätsels in der Aufteilung des Wortes "Tisch" in seine Silben liegt, wobei die zweite Silbe "isch" die Lösung darstellt.

Schlüsselwörter

oft still zimmer comfortable häufig einzig blatt land

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
Wenn wir, geteilt, dich mehr erfreu′n
Gegensatz
Oft fürcht′ ich unter Last zu brechen, / Oft bin ich leider völlig leer
Hyperbel
Ist wohl kein Haus, das mich nicht hat
Kontrast
Wir wollen uns auch gleich zerteilen
Metapher
Nur um in deiner Näh′ zu weilen
Personifikation
Das Ganze scheint mir zwar zu gleichen
Symbolik
Verstand ich mich zu dem Verein
Wiederholung
Oft bin ich ausgewählt zum Zechen, / Oft von zu vielem Gelde schwer