Zweifach ist Liebe

Friedrich Halm

1806

Zweifach ist Liebe; - mag die tolle Welt An leeren Tand auch oft den Namen hängen Und Mitleid, Neigung, Laune, wie es fällt, Mit heil′ger Liebe Gluten schnöd vermengen -

Zweifach ist Liebe; eine, die da liebt, Und will sich selbst dafür zurückerhalten, Und eine, die die volle Seele gibt, Und läßt nach Willkür mit der Gabe schalten.

Zweifach ist Liebe; eine, die beglückt, Doch einzig den Geliebten will beglücken, Und eine, die den Teuren still entzückt Auch andre Blumen sieht am Wege pflücken!

Zweifach ist Liebe; eine heiß und wild, Voll Lust und Leid, voll Kampf und Sieg und Wunden, Und eine fromm, nachsichtig, sanft und mild, Doch wen′ger oder mehr allein empfunden.

Zweifach ist Liebe; eine, die vielleicht Wir echt wohl seltner finden, als wir meinen, Und die, die jedes Mutterherz beschleicht, Vernimmt′s des Kindes erstes, leises Weinen.

Weh dem, der keine je von beiden fand, Der nie der Mutterliebe Huld erfahren, Der, nie geführt von zarter Frauenhand, Verlassen, einsam kam zu hohen Jahren!

Doch heil dem Glücklichen, den, stets geliebt, Getragen stets von weichen, warmen Händen, Die Mutter der Geliebten übergibt, Das Werk, das sie begonnen, zu vollenden!

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Illustration zu Zweifach ist Liebe

Interpretation

Das Gedicht "Zweifach ist Liebe" von Friedrich Halm handelt von der Unterscheidung zwischen zwei Arten der Liebe. Der Autor beschreibt eine selbstsüchtige Liebe, die auf Gegenseitigkeit und Erhaltung des eigenen Glücks abzielt, und eine selbstlose Liebe, die vollständig gibt, ohne Gegenleistung zu erwarten. Halm betont, dass die wahre, selbstlose Liebe seltener ist, als man oft denkt, und dass sie sich besonders in der bedingungslosen Liebe einer Mutter zu ihrem Kind zeigt. Der Dichter kontrastiert auch die leidenschaftliche, oft turbulente Liebe mit der sanften, verständnisvollen Liebe. Er deutet an, dass die letztere, obwohl sie weniger intensiv empfunden wird, eine tiefere und beständigere Form der Liebe darstellt. Halm legt nahe, dass die wahre Liebe sowohl die Fähigkeit zur Leidenschaft als auch zur Sanftmut in sich vereint. Abschließend spricht Halm das Schicksal derer an, die nie eine der beiden Arten der Liebe erfahren haben. Er bedauert das einsame Leben derer, die weder die Liebe einer Mutter noch die einer Partnerin kennengelernt haben. Im Gegensatz dazu preist er das Glück derer, die stets geliebt und getragen wurden, und die am Ende ihres Lebens die Liebe einer Partnerin als Ergänzung und Vollendung der mütterlichen Liebe erfahren.

Schlüsselwörter

liebe zweifach heil ger will geliebten voll nie

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Stilmittel

Anapher
Zweifach ist Liebe; - mag die tolle Welt
Metapher
von weichen, warmen Händen
Personifikation
das Werk, das sie begonnen, zu vollenden