Zwei Seestücke - 2. Suschen
1868Der Ozean stieg schaurig Vom Sturmwind aufgeschreckt. Da seufzte Suschen traurig, Am Felsenbach gestreckt. Ihr Auge weithin spähend Durchflog den Wogendrang, Indes die Stirn ihr wehend Die Trauerweid’ umschlang.
»Das Jahr ist schon vorüber Ach! schon neun Tage mehr! Warum so dreist, o lieber! Vertrautest Du dem Meer? Laß Meer, vom Sturm gehoben, Laß meinen Wilhelm ruhn! Ach, hier im Busen toben Noch wildre Stürme nun.
Was zogst Du Gold zu häufen Zum fernen Mohrenstrand, Wo Spezereien reifen Und Perl und Diamant? Der Fleiß bei sicherm Werke Gewährt uns Ueberfluß, Uns gäbe Mut und Stärke Ein treuer Herzenskuss.
Wie ringt mit grausen Wettern Dein überwogtes Schiff! O wehe mir! nun schmettern Es Stürm ans Felsenriff! Jezt schwimmst Du auf der Trümmer Durchs Weltmeer! sinkend jezt Nennst Du mit Angstgewimmer Dein Suschen noch zulezt.«
Sie riefs mit bangem sehnen Vom Felsen wo sie saß, Und weinte helle Thränen, Ihr Busentuch ward naß. Da trieb die Woge schäumend Den kalten Leichnam her: Sie starrt ihn an wie träumend, Erblasst und sank ins Meer.
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Interpretation
Das Gedicht "Zwei Seestücke - 2. Suschen" von Heinrich Christian Boie handelt von der tragischen Geschichte der jungen Suschen, die am Ufer auf ihren Geliebten Wilhelm wartet. Der stürmische Ozean dient als düstere Kulisse für ihre Sehnsucht und Trauer. Suschen seufzt am Felsenbach, ihr Blick durchstreift die tosenden Wellen, während die Trauerweide ihre Stirn umschlingt. Sie beklagt, dass bereits neun Tage vergangen sind, seit Wilhelm sich auf die gefährliche Reise übers Meer gewagt hat. In ihrer Verzweiflung wünscht sie sich, dass das Meer ihren Geliebten in Frieden ruhen lässt, denn die Stürme in ihrem eigenen Herzen sind noch wilder. Suschen fragt sich, warum Wilhelm das sichere Heim verlassen hat, um Gold und Reichtümer am fernen Mohrenstrand zu suchen. Sie erinnert sich an die Worte, dass Fleiß und ein treuer Herzenskuss Mut und Stärke geben würden. Doch nun kämpft Wilhelms Schiff gegen grausame Stürme und zerschellt an den Felsenriffen. In ihrer Angst hört Suschen Wilhelms verzweifltes Rufen nach ihr, bevor er im Meer versinkt. Suschen ruft ihren Wilhelm mit bangem Sehnen vom Felsen aus, an dem sie sitzt. Ihre Tränen benetzen ihr Busentuch, während sie auf das Schlimmste hofft. Schließlich treibt die Woge den leblosen Körper Wilhelms an Land. Suschen starrt ihn wie im Traum an, erbleicht und stürzt sich schließlich selbst ins Meer, um ihrem Geliebten in den Tod zu folgen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Spezereien reifen und Perl und Diamant
- Anapher
- Laß Meer, vom Sturm gehoben, Laß meinen Wilhelm ruhn
- Bildsprache
- Wie ringt mit grausen Wettern Dein überwogtes Schiff! O wehe mir! nun schmettern Es Stürm ans Felsenriff!
- Enjambement
- Sie starrt ihn an wie träumend, Erblasst und sank ins Meer
- Hyperbel
- Noch wildre Stürme nun
- Kontrast
- Der Fleiß bei sicherm Werke Gewährt uns Ueberfluß, Uns gäbe Mut und Stärke Ein treuer Herzenskuss
- Metapher
- Die Trauerweid' umschlang
- Onomatopoesie
- schmettern
- Personifikation
- Der Ozean stieg schaurig vom Sturmwind aufgeschreckt
- Rhetorische Frage
- Warum so dreist, o lieber! Vertrautest Du dem Meer?