Zwei Seestücke - 1. Wilhelm

Heinrich Christian Boie

1868

Getakelt lag das Schiff am Port, Die Wimpel floßen roth im Winde. Schwarzäugig Suschen kam an Bord: »O sagt mir, wo ich Wilhelm finde! Ihr weidlichen Matrosen, sagt mir wahr: Geht Wilhelm mit in Eurer frohen Schaar?«

Wilhelm, der hoch am Maste sang, Gewiegt von Wellen hin und wieder, Sobald die traute Stimm ihm klang, Sah stumm durch Seil und Stangen nieder. Das lange Tau durchglitt ihm heiß die Hand Und rasch erreicht er das Verdeck und stand.

So wann die Lerch im Saatfeld ruft, Verstummt ihr Gatte schnell, der munter Sein Frühlied singt in blauer Luft Und schießt geschloßner Schwing hinunter. Die holden Küss’, o Wilhelm! ohne Zahl Misgönnte Dir Kapitän und Admiral.

»O Suschen, Suschen! muß ich gehn, Auch ferne bleibst Du mein Verlangen. Wir trennen uns zum wiedersehn; O trockne Dir die heißen Wangen! Verstürm uns auch der Wind nach Ost und West, Dir steht mein Herz ein treuer Kompass fest.

O süßes Mädchen, traue nicht Des falschen Landvolks schnödem Worte, Der Seemann find’ ein glatt Gesicht Für seine Lieb an jedem Orte! Ein glatt Gesicht ist hier und allerwärts, Doch Suschen, wo Dein gutes liebes Herz?

Ob uns Orkan und Wogen drohn, Ob Klipp und Sandbank um uns brande, Den Elementen biet ich Hohn Und kehre heim vom fernsten Strande. Und donnert auch mit Kugelsaat die Schlacht, Mich rettet Dir der holden Liebe Macht!«

Der Schiffer ruft sein schrecklich Wort, Der Anker steigt , die Segel schwellen. »Ach, schluchzt er küssend, Suschen, fort!« Und starrt ihr nach durch dunkle Wellen. Schon kleiner wankt ihr Nachen nah am Strand Und weiß noch weht das Tuch in Suschens Hand.

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Illustration zu Zwei Seestücke - 1. Wilhelm

Interpretation

Das Gedicht "Zwei Seestücke - 1. Wilhelm" von Heinrich Christian Boie handelt von der Abschiedsszene zwischen Wilhelm und seiner Geliebten Suschen. Das Gedicht beginnt mit der Ankunft Suschens an Bord des Schiffes, wo sie nach Wilhelm sucht. Wilhelm, der hoch am Mast singt, wird von ihrer Stimme berührt und steigt schnell hinunter, um sich von ihr zu verabschieden. Die Szene wird mit der eines Vogels verglichen, der bei Ruf seiner Partnerin verstummt und zu ihr hinabschießt. In der zweiten Strophe versichert Wilhelm Suschen seiner unerschütterlichen Liebe und Treue, trotz der bevorstehenden Trennung. Er warnt sie vor den falschen Versprechungen des Landvolks und betont, dass sein Herz ihr stets treu bleiben wird, wie ein Kompass. Wilhelm verspricht, trotz aller Gefahren, die ihn auf See erwarten könnten, zu ihr zurückzukehren, da ihn die Macht ihrer Liebe beschützen wird. Das Gedicht endet mit dem Auslaufen des Schiffes und dem schmerzlichen Abschied der beiden Liebenden. Wilhelm winkt Suschen nach, während das Schiff langsam am Horizont verschwindet. Die letzte Strophe beschreibt, wie Suschen noch lange das weiße Tuch in ihrer Hand hält, ein Symbol ihrer Hoffnung und Sehnsucht nach Wilhelm.

Schlüsselwörter

suschen wilhelm sagt wellen hand ruft holden herz

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Schwarzäugig Suschen kam an Bord
Anapher
O sagt mir, wo ich Wilhelm finde! / O sagt mir, wo ich Wilhelm finde!
Bildsprache
Den Elementen biet ich Hohn
Hyperbel
Die holden Küss', o Wilhelm! ohne Zahl
Kontrast
Ob uns Orkan und Wogen drohn, / Ob Klipp und Sandbank um uns brande
Metapher
Getakelt lag das Schiff am Port
Personifikation
Die Wimpel floßen roth im Winde
Rhetorische Frage
Doch Suschen, wo Dein gutes liebes Herz?
Symbolik
Mir rettet Dir der holden Liebe Macht
Vergleich
So wann die Lerch im Saatfeld ruft