Zwei Seelen

Kurt Tucholsky

1890

Ich, Herr Tiger, bestehe zu meinem Heil aus einem Oberteil und einem Unterteil.

Das Oberteil fühlt seine bescheidene Kleinheit, ihm ist nur wohl in völliger Reinheit; es ist tapfer, wahr, anständig und bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund. Das Oberteil ist auch durchaus befugt, Ratschläge zu erteilen und die Verbrechen von andern Oberteilen zu geißeln - es darf sich über die Menschen lustig machen, und wenn andre den Naseninhalt hochziehn, darf es lachen.

Soweit das. Aber, Dunnerkeil, das Unterteil! Feige, unentschlossen, heuchlerisch, wollüstig und verlogen; zu den pfinstersten Pfreuden des Pfleisches fühlt es sich hingezogen - dabei dumpf, kalt, zwergig, ein gräuliches pessimistisches Ding: etwas ganz und gar Abscheuliches. Nun wäre aber auch einer denkbar - sehr bemerkenswert! -, der umgekehrt.

Der in seinen untern Teilen nichts zu scheuen hätte, keinen seiner diesbezüglichen Schritte zu bereuen hätte - ein sauberes Triebwesen, ein ganzer Mann und bis in seine tiefsten Tiefen klar und gesund.

Und es wäre zu denken, dass er am gleichen Skelette eine Seele mit Maukbeene hätte.

Was er nur andenkt, wird faulig-verschmiert; sein Verstand läuft nie offen, sondern stets maskiert; sogar wenn er lügt, lügt er; glaubt sich nichts, redet sich’s aber ein - und ist oben herum überhaupt ein Schwein.

Vor solchem Menschen müssen ja alle, die ihn begucken, vor Ekel mitten in die nächste Gosse spucken! Da striche auch ich mein doppelkollriges Kinn und betete ergriffen: “Ich danke dir, Gott, dass ich bin, wie ich bin!”

Was aber Menschen aus einem Gusse betrifft in der schönsten der Welten -: der Fall ist äußerst selten.

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Illustration zu Zwei Seelen

Interpretation

Das Gedicht "Zwei Seelen" von Kurt Tucholsky handelt von der Zerrissenheit des Menschen zwischen moralischen Idealen und unedlen Trieben. Der Erzähler, Herr Tiger, beschreibt sich als aus zwei Teilen bestehend: einem edlen Oberteil und einem niederen Unterteil. Das Oberteil verkörpert Tugenden wie Mut, Ehrlichkeit und Anständigkeit. Es fühlt sich wohl in Reinheit und ist bereit, Ratschläge zu erteilen und die Verfehlungen anderer zu kritisieren. Im Gegensatz dazu wird das Unterteil als feige, heuchlerisch und wollüstig charakterisiert. Es neigt zu dunklen, pessimistischen Gedanken und wird als etwas Abscheuliches beschrieben. Tucholsky denkt über die umgekehrte Konstellation nach, bei der das Unterteil rein und das Oberteil verdorben ist. Ein solcher Mensch würde in seinen unteren Teilen nichts zu scheuen haben und ein sauberes Triebwesen sein. Doch seine Seele wäre verlogen und verdorben. Herr Tiger betont, dass solche Menschen zum Ekel anstiften und er dankbar ist, so zu sein, wie er ist - mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Abschließend stellt Tucholsky fest, dass Menschen, die in sich stimmig und rund sind, äußerst selten vorkommen. Das Gedicht verdeutlicht die innere Zerrissenheit und den Kampf zwischen Gut und Böse, der in jedem Menschen tobt.

Schlüsselwörter

oberteil menschen hätte unterteil fühlt tiefsten tiefen klar

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
pfinstersten Pfreuden des Pfleisches
Bildsprache
Was er nur andenkt, wird faulig-verschmiert; sein Verstand läuft nie offen, sondern stets maskiert;
Hyperbel
Vor solchem Menschen müssen ja alle, die ihn begucken, vor Ekel mitten in die nächste Gosse spucken!
Ironie
und ist oben herum überhaupt ein Schwein.
Kontrast
der Fall ist äußerst selten.
Metapher
das doppelkollrige Kinn
Personifikation
Ich, Herr Tiger, bestehe zu meinem Heil aus einem Oberteil und einem Unterteil.