Zwei Königskinder
1580(16. Jh.)
Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.
Herzliebster, kannst du nicht schwimmen? Herzlieb, schwimm herüber zu mir! Zwei Kerzen will ich hier anzünden, und die sollen leuchten dir.
Das hört eine falsche Nonne, die tat, als ob sie schlief. Sie tat die Lichter auslöschen, der Jüngling ertrank so tief.
Es war an ei’m Sonntagmorgen, die Leut’ waren alle so froh, bis auf die Königstochter, sie weinte die Äuglein rot.
Ach Mutter, herzliebste Mutter, der Kopf tut mir so weh; ich möcht so gern spazieren wohl an die grüne See.
Die Mutter ging nach der Kirche, die Tochter hielt ihren Gang. Sie ging so lang spazieren bis sie den Fischer fand.
Ach Fischer, liebster Fischer, willst du verdienen großen Lohn? So wirf dein Netzt ins Wasser Und fisch mir den Königssohn!
Er warf das Netz ins Wasser, es ging bis auf den Grund; er fischte und fischte so lange bis er den Königssohn fand.
Der Fischer wohl fischte lange, bis er den Toten fand. Nun sieh’ da, du liebliche Jungfrau, hast hier deinen Königssohn.
Sie schloß ihn in ihre Arme und küßt’ seinen bleichen Mund: Ach, Mündlein, könntest du sprechen, so wär mein jung Herz gesund.
Sie schwang um sich ihren Mantel und sprang wohl in den See: Gut’ Nacht, mein Vater und Mutter, Ihr seht mich nimmermeh'!
Da hörte man Glockengeläute, da hörte man Jammer und Not, da lagen zwei Königskinder, die waren beide tot.
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Interpretation
Das Gedicht "Zwei Königskinder" von Unbekannt erzählt die tragische Liebesgeschichte zweier Königskinder, die durch einen tiefen Fluss voneinander getrennt sind. Trotz ihrer großen Liebe können sie nicht zusammenkommen, da das Wasser zu tief ist. Die falsche Nonne, die ihre Liebe belauscht, löscht die Kerzen aus, die dem Jüngling den Weg weisen sollten, was zu seinem Ertrinken führt. Die Königstochter, untröstlich über den Verlust ihres Geliebten, bittet einen Fischer, ihren toten Königssohn aus dem Wasser zu holen. Als sie den leblosen Körper in ihren Armen hält und ihn küsst, wünscht sie sich sehnlichst, dass er wieder zum Leben erwachen möge. Überwältigt von Trauer und Verzweiflung, beschließt sie, sich selbst in den Fluss zu stürzen, um im Tod mit ihrem Geliebten vereint zu sein. Das Gedicht endet mit dem traurigen Bild zweier toter Königskinder, die nun im Tod vereint sind. Die Glocken läuten, und man hört Klage und Not, was die tiefe Trauer und das Leid über den Verlust der beiden Liebenden widerspiegelt. Die Geschichte verdeutlicht die Macht der Liebe und die Tragik, die entstehen kann, wenn äußere Umstände und böswillige Absichten das Glück zweier Menschen verhindern.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Herzliebster, kannst du nicht schwimmen?
- Anapher
- Ach Mutter, herzliebste Mutter, / der Kopf tut mir so weh
- Antithese
- Es waren zwei Königskinder, / die hatten einander so lieb, / sie konnten zusammen nicht kommen
- Bildsprache
- Zwei Kerzen will ich hier anzünden
- Hyperbel
- willst du verdienen großen Lohn?
- Ironie
- Ach Fischer, liebster Fischer
- Metapher
- das Wasser war viel zu tief
- Personifikation
- da hörte man Glockengeläute, / da hörte man Jammer und Not
- Symbolik
- Zwei Kerzen will ich hier anzünden
- Wiederholung
- Ach Fischer, liebster Fischer