Zwei Dichter
1875l. Ein Sterbender
Er lag so bleich, so todeskrank In heißen Fiebergluten, Der Hoffnung letzter Anker sank In bodenlose Fluten.
Da sah er einmal noch hinaus — Das Auge, fast verglommen - Und sah durch Baum und Rosenstrauß Den jungen Frühling kommen.
Und leise öffnet sich die Thür Und mit verschämtem Wesen Ein weinend Mädchen tritt herfür - Das ist sein Lieb gewesen.
Und wie ers sieht und wie ers drückt, Da hat es drauß geklungen — Ein Wandersmann hat still beglückt Von ihm ein Lied gesungen.
Da preßt er noch sein Lieb ans Herz Im letzten Todesschauer, Und ruft entzückt: o süßer Schmerz! O freudenvolle Trauer!
Was ich geliebt in stiller Lust — Es ist mit Engelsmienen, Als hält es meinen Gram gewußt, Dem Sterbenden erschienen.
O fand ich doch das rechte Wort, Den Jubel die zu sagen, Der mich vom dunklen Todesport Nochmal zurückgetragen.
O wäre mir es noch vergönnt, Daß ich ihn dir beschriebe. Daß ich ihn dir noch sagen könnt Den letzten Schmerz der Liebe. —
Leb wol! Und wenn dich Einer fragt Um meine letzten Worte, Sag ihm, daß ich recht tief bewegt Verließ des Lebens Pforte.
Und sag ihm noch — den letzten Laut Rief ich mit Todesbeben: O freier Tag! dein Morgen graut, O könnt ich dich erleben!
Sag ihm, es sei — im Tod gewiegt - Mein letzter Trost gewesen, Daß jubelvoll die Freiheit siegt — Indeß ich muß verwesen.
ll. Ein Leidender
Er saß in Gedanken versunken Im lichten Morgenschein, Und sah in die Sonnenfunken Mit stillem Ernst hinein.
Wann wird der Geist erstehen Zu solchem Morgenglanz — Der Glaube muß vergehen Und alle Hoffnung ganz.
Es treibt so schöne Blüten Der grüne Lebensbaum, Doch kalte Stürme wüten Und Blüten sind nur Traum.
Die Frucht gibt erst die Wahrheit Doch nie kommt es zur Frucht, So lange man der Klarheit Des Geistesfrühlings flucht!
Da faßt ihn so tiefe Trauer, Die keinen Trost verheißt, Daß in der Wehmut Schauer Ein starker Geist zerreißt.
Es drückt ihn mit solchem Bangen Die Erdenkerlerluft, Daß er, vom Wahnsinn gefangen: “In die Freiheit will ich!” ruft.
Und er wankt mit dem Ruf im Munde: “In die Freiheit will ich!” herum — Das ist des Lebens Wunde — — Doch still, mein Lied, verstumm!
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Interpretation
Das Gedicht "Zwei Dichter" von Hermann Rollett beschreibt zwei kontrastierende Schicksale. Im ersten Teil geht es um einen sterbenden Dichter, der in seinen letzten Momenten noch einmal die Schönheit des Lebens und der Liebe erfährt. Trotz seiner Krankheit und dem nahenden Tod sieht er durch ein Fenster den Frühling kommen und wird von seiner Geliebten besucht. Ein Wanderer singt ein Lied, das den Sterbenden tief berührt. In seinen letzten Worten drückt er seine tiefe Liebe und seinen Wunsch nach Freiheit aus, auch im Angesicht des Todes. Der zweite Teil handelt von einem leidenden Dichter, der in Gedanken versunken die Vergänglichkeit des Lebens betrachtet. Er sieht die Schönheit der Natur, erkennt aber auch die Vergänglichkeit und die Unmöglichkeit, wahre Erkenntnis zu erlangen. Überwältigt von Trauer und Verzweiflung, ruft er nach Freiheit, doch seine Worte verhallen ungehört. Der Dichter vermittelt hier die Idee, dass das Leben voller Wunden und Schmerzen ist, und dass die Suche nach Freiheit oft vergeblich bleibt. Insgesamt thematisiert das Gedicht die menschliche Existenz, die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens, die Liebe und den Schmerz, sowie die Sehnsucht nach Freiheit. Es zeigt zwei verschiedene Schicksale auf, die beide von tiefen Emotionen und existenziellen Fragen geprägt sind.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Doch still, mein Lied, verstumm
- Personifikation
- Das Auge, fast verglommen
- Symbolik
- Den jungen Frühling kommen