Zwei Brüder

Friedrich Theodor Vischer

1870

(Erich und Axel, Grafen von Taube, gefallen in Champigny 2. Dezember 1870.)

I.

Da liegen sie in offnen Särgen beide, Das Schwert zur Seite und den Lorbeerkranz; Vom Wundenkrampf, vom letzten grimmen Leide Weiß nichts ihr Angesicht; zufrieden ganz, Ganz friedlich sind die jugendlichen Züge, Als sagten sie jedwedem, der sie früge:

Zusammen sind wir hoffnungsvoll erblühet, Zusammen griffen wir zur blanken Wehr Für’s Vaterland in tiefster Brust erglühet, Zusammen kämpften wir im Siegesheer, Zusammen sind wir brüderlich gefallen, Zusammen geh’n wir in die ew’gen Hallen.

Mir aber ist vor diesem Todtenbilde, Das wunderbar des Herzens Tiefen rührt, Als würd’ ich zu entlegenem Gefilde, In’s ferne Griechenland vom Geist entführt, Dorthin, in’s enge Thor der Thermopylen, Wo die Dreihundert einst zusammen fielen.

Die schlichte Schrift am Male dieser Todten: »Kommst, Wandrer, du nach Sparta, melde dort, Daß du gehorsam, wie es uns geboten, Uns liegen hier gesehen,« – dieses Wort, Ihr Todtenzüge, o, ihr stillen, lieben, Mir ist, als läs’ ich es in euch geschrieben.

II.

Ein Männerzug, fast endlos, kommt geschritten, Zwei Särgen folgend zu der dunkeln Gruft, Voran das Haupt, das solchen Schlag erlitten. Die Glocken klagen in die graue Luft. Es wallt das Volk, die Straßen sind zu enge, Stumm vor dem Bilde steht die dichte Menge.

Das ist nicht Neugier, eitle Lust, zu schauen, Ist nicht ein Aufsehen, weil es Grafen sind, O nein! von diesen thränenreichen Frauen Verliert in ihnen jede heut ihr Kind; Hier ist kein Vater, der die theuren Erben In diesem Söhnepaar nicht sähe sterben,

Kein Bruder, keine Schwester, die nicht weinen, Als ziemte ihnen euer Trauerkleid, In diesem Schlag des Tods, in diesem einen, Faßt sich zusammen eines Volkes Leid, Vereinigt strömen alle Thränen nieder, Und Tausende sind Eines Hauses Glieder.

Wir haben nicht um Wenige zu klagen, In ganzen Schwaden sind sie hingemäht, Und Mancher sank in reifem Mannestagen, Doch dieser Fall des Jünglingspaares steht Ein Sinnbild da, für all den Schmerz errichtet, Ein Trauerspiel, vom strengen Tod gedichtet.

Ja, dieser blut’ge Brüdertod verbündet Zu Einem Hause dieses ganze Land! Und noch ein größres Haus ist ja gegründet: Die Nation umschlingt ein neues Band Und diese Brüder, die vereint gefochten, Sie haben mitgegründet, mitgeflochten.

So lange man in deutscher Stämme Mitten Dieß theure Land, dieß Schwabenland noch kennt, So lang, im Baum des Lebens eingeschnitten, Die Weltgeschichte noch ein Deutschland nennt, Wird man auch reden von den jungen Braven, Die brüderlich den Heldenschlummer schlafen.

Und wenn aus diesem heil’gen Völkerkriege Die Kämpferschaaren einst zurückgekehrt, Und wenn ein Künstler unsre blut’gen Siege Mit eines Denkmals hehren Formen ehrt, Wenn, wie Athene’s herrliches Gebilde, Germania strahlet mit gehobnem Schilde,

Am Steine, drauf das hohe Weib wird stehen, Heb’ er zwei Szenen aus dem Marmorgrund: Hier sei ein blühend Brüderpaar zu sehen, Der eine küßt dem andern Stirn und Mund, Der sterbend liegt; dann sehe man die Beiden, Zum Tode wund im Tode selbst nicht scheiden.

O Elternpaar, du hast ein Gut verloren, Ein köstliches für diese Spanne Zeit, Doch was für diese Spanne Zeit geboren, Es knüpfet nun dich an die Ewigkeit, Denn eines ganzen Volkes ew’gem Leben Eint euch, was ihr in Thränen hingegeben.

III.

Im stillen Haus, nachdem ihr sie begraben, Nachdem verschwunden des Geleites Schaar, Da werdet ihr gefragt, gezweifelt haben, Ob es nicht besser, wünschenswerter war, Sie wurden nie zur Freude euch geboren, Als nun so früh mit Einem Schlag verloren!

Doch eine innre Stimme wird euch sagen: Geduldet sei des Schicksals schweres Joch! Die theuren Häupter, die man hingetragen, Sie waren unser, waren unser doch! Wie blickten wir in’s Oede und in’s Leere, Wenn kinderlos vergangnes Leben wäre!

Sie bleiben unser. Willig hingegeben Der großen Zukunft ernstem Aufgebot, Dem Wohl des Volks, worin wir sind und leben, Geweiht im Tode, sind sie uns nicht todt; Dem Vaterland zwei Heldensöhne schenken: Ja, Trost ist’s, solchen Opfers zu gedenken.

Nie kann der Schmerz, er wird und soll nicht weichen, Doch reift er still, wird weich und licht und schön, Denn sieh, dort schweben sie, die Brüderleichen, Lebend’ge Geister aus verklärten Höh’n, Beweint, geehrt von eines Volkes Herzen, Verewigt von so reinen, heil’gen Schmerzen.

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Illustration zu Zwei Brüder

Interpretation

Das Gedicht "Zwei Brüder" von Friedrich Theodor Vischer ist eine Elegie auf die gefallenen Grafen Erich und Axel von Taube, die im Deutsch-Französischen Krieg 1870 in Champigny starben. Das Gedicht besteht aus drei Teilen, die den Tod der Brüder, die Trauer des Volkes und den Trost der Eltern thematisieren. Im ersten Teil beschreibt der Dichter die beiden Brüder in ihren Särgen, die friedlich und zufrieden aussehen, als ob sie sagen würden, dass sie zusammen gelebt und gekämpft haben und zusammen in die ewigen Hallen gehen. Der Dichter fühlt sich an die griechische Sage von den 300 Spartanern erinnert, die in den Thermopylen gefallen sind, und an die Inschrift auf ihrem Grabmal, die besagt, dass sie Sparta gehorsam waren und dort liegen. Im zweiten Teil schildert der Dichter die Trauerprozession für die Brüder, die von vielen Menschen begleitet wird, die sich mit ihnen verbunden fühlen. Der Dichter betont, dass der Tod der Brüder ein Symbol für den Schmerz des ganzen Volkes ist und dass sie mitgeholfen haben, die Nation zu einen. Der Dichter wünscht sich, dass ein Künstler ein Denkmal für die deutschen Siege errichtet und darauf die beiden Brüder als Szene darstellt, wie sie sich küssen und gemeinsam sterben. Im dritten Teil wendet sich der Dichter an die Eltern der Brüder, die sich fragen mögen, ob es besser gewesen wäre, wenn sie nie geboren worden wären. Der Dichter antwortet ihnen, dass sie geduldig sein sollen und dass die Brüder ihnen nicht verloren sind, sondern dem Vaterland geschenkt wurden. Der Dichter verspricht ihnen, dass ihr Schmerz sich wandeln wird in eine sanfte und schöne Erinnerung, die die Brüder als lebendige Geister verewigt.

Schlüsselwörter

zusammen gen zwei schlag volkes tode leben grafen

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Stilmittel

Hyperbel
Ein Männerzug, fast endlos, kommt geschritten
Metapher
Verewigt von so reinen, heil'gen Schmerzen
Personifikation
Die Glocken klagen in die graue Luft