Zwei Bäume
1865Zwei Bäume hab’ ich einst im Wald gesehn, Die wollten sich einander nahe stehn. Sie schau’n sich an voll Sehnsucht, möchten gern Sich fest umschlingen; doch sie stehn zu fern, Denn andrer Grund ist Jedem angewiesen, Darin des Lebens starke Wurzeln sprießen. So neigt sich Jeder still zum Andern hin, Der Eine scheint den Andern anzuzieh’n, Bis es zuletzt gelingt den schlanken Zweigen, Sich in den Kronen liebend zu erreichen. Wie sie die Aeste in einander flechten, Sind sie beschirmt von liebevollen Mächten; In blauen Lüften, wo die Wolken jagen, Da dürfen sie sich ihre Sehnsucht klagen. Sie dürfen Blüth’ um Blüthe selig tauschen, An ihren Düften wonnig sich berauschen. Sie stehn, vom Licht des Abendroths umglüht, Gleich wie von tausend Rosen überblüht; Verklärend weben aus der Himmelsferne Ihr heilig Licht darum die ew’gen Sterne.
So möcht’ ich mich mit dir zur Höhe schwingen, Mit tausend Liebesarmen dich umschlingen, Mit meines Herzens innigsten Gedanken Dich unauflöslich fassen und umranken. So möcht’ ich deinem höchsten Leben lauschen, So möcht’ ich Seel’ um Seele mit dir tauschen, Hoch über’m düstern Nebelreich der Erden, Im Himmelblau mit dir vereinigt werden, Wo keines Menschen Augen auf uns sehn, Wo nur die Sterne auf und niedergehn.
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Interpretation
Das Gedicht "Zwei Bäume" von Louise von Plönnies beschreibt die Sehnsucht und die unerfüllte Liebe zweier Bäume, die sich im Wald gegenüberstehen. Die Bäume stehen zu weit voneinander entfernt, um sich berühren zu können, da jeder von ihnen seine eigenen Wurzeln im Boden hat. Dennoch neigen sie sich einander zu und scheinen sich gegenseitig anzuziehen. Die Bäume versuchen, ihre Sehnsucht durch ihre Zweige auszudrücken, die sich in den Kronen liebend erreichen. Sie werden von liebevollen Mächten beschützt und können im blauen Himmel ihre Sehnsucht kundtun. Die Bäume tauschen Blüten und Düfte aus und stehen im Abendrot wie von tausend Rosen umgeben. Die ewigen Sterne weben ihr heiliges Licht um sie herum. Das Gedicht geht dann über zur persönlichen Sehnsucht des lyrischen Ichs, das sich mit dem Geliebten zur Höhe schwingen möchte. Es wünscht sich, den Geliebten mit tausend Liebesarmen zu umschlingen und mit den innigsten Gedanken des Herzens unauflöslich zu fassen und zu umranken. Das lyrische Ich möchte dem höchsten Leben des Geliebten lauschen und Seel' um Seele mit ihm tauschen. Es sehnt sich danach, mit dem Geliebten über dem düsteren Nebelreich der Erde im Himmelblau vereint zu sein, wo keine menschlichen Augen sie sehen können und nur die Sterne auf- und niedergehen. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Sehnsucht nach einer spirituellen und emotionalen Vereinigung, die über die physische Nähe hinausgeht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sich fest umschlingen; doch sie stehn zu fern
- Hyperbel
- Mit tausend Liebesarmen dich umschlingen
- Metapher
- Denn andrer Grund ist Jedem angewiesen, Darin des Lebens starke Wurzeln sprießen.
- Personifikation
- Zwei Bäume hab' ich einst im Wald gesehn, Die wollten sich einander nahe stehn.
- Symbolik
- Im Himmelblau mit dir vereinigt werden, Wo nur die Sterne auf und niedergehn
- Vergleich
- Gleich wie von tausend Rosen überblüht