Zuverlässige Geschichte

Johann Friedrich Löwen

1842

Federmesser sich selbst geblendeten Dichter, nebst einem angehängten wohlmeinenden Warnungsmittel

Ein Geist, den man schon viele Jahre Gedruckt bei Käsekrämern fand, Der bei dem Altar und der Bahre Im Sold als Tagelöhner stand;

Verstieg sich, weil er viel geschmieret, Zur Epopee, zum Trauerspiel, Und sang, wie′s Dichtern itzt gebühret, Auch in Hexametern sehr viel.

Zwar trafen schreckliche Gerichte Des strengen Tadels seinen Witz; Es donnerte auf die Gedichte, In jede Zeile schlug ein Blitz.

Vom Tadel wund, ging es dem Sänger Wie dem, den die Tarantel sticht; Der tanzet heftiger und länger, Der schrieb ein längeres Gedicht.

Durch Wunder, Galgen, Schwert, und Räder Hat er das Mitleid oft erweckt; Denn in den Fingern und der Feder Saß ihm Begeistrung und Affekt.

Itzt, da die Heldin seiner Bühne Wie sich′s gebührt, affektenvoll, Mit einer Eumenidenmiene Die Haare sich ausraufen soll;

Itzt, itzt wird sein Affekt auch größer - Der Kiel wird stumpf - er nimmt voll Wut Sein ungeheures Federmesser - Und die Begeisterung will Blut!

Der Stahl, geschärft auf blankem Leder, Fuhr aus der Scheide wild heraus, Fuhr durch die Nase von der Feder, Von dort ins Aug, und stieß es aus.

Laß dies Exempel viele rühren, Mein dichterreiches Vaterland! O habt, kein Auge zu verlieren, Affekt im Kopf, nicht in der Hand.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Zuverlässige Geschichte

Interpretation

Das Gedicht "Zuverlässige Geschichte" von Johann Friedrich Löwen handelt von einem Dichter, der von seinem Ehrgeiz geblendet wird und schließlich durch sein eigenes Federmesser geblendet wird. Der Dichter, der bisher als Tagelöhner in verschiedenen Bereichen gearbeitet hat, versucht sich an epischen und tragischen Werken, obwohl er dafür nicht ausreichend talentiert ist. Sein Werk wird von Kritikern scharf verurteilt, doch anstatt seine Fähigkeiten zu überdenken, schreibt er noch mehr und längere Gedichte. Die Handlung kulminiert in einem dramatischen Moment, in dem der Dichter, überwältigt von Affekt und Begeisterung, sein Federmesser ergreift und sich selbst blendet. Dieses gewaltsame Ende symbolisiert die Gefahr, die von unkontrollierter Leidenschaft und dem Streben nach künstlerischem Ruhm ausgehen kann. Löwen nutzt diese drastische Metapher, um eine Warnung an seine Zeitgenossen auszusprechen. Das Gedicht schließt mit einer Mahnung an das Vaterland, sich vor den Gefahren des unkontrollierten Affekts zu hüten. Löwen appelliert an die Vernunft und fordert, dass Leidenschaft im Kopf, nicht in der Hand, verankert sein sollte. Die Geschichte des blinden Dichters dient als abschreckendes Beispiel für die Konsequenzen, die eintreten können, wenn man sich von seinen Emotionen leiten lässt, anstatt einen klaren und rationalen Verstand zu bewahren.

Schlüsselwörter

itzt affekt federmesser viele viel feder fuhr selbst

Wortwolke

Wortwolke zu Zuverlässige Geschichte

Stilmittel

Alliteration
Verstieg sich, weil er viel geschmieret
Bildsprache
Fuhr aus der Scheide wild heraus, Fuhr durch die Nase von der Feder, Von dort ins Aug, und stieß es aus
Hyperbel
In jede Zeile schlug ein Blitz
Metapher
Der Stahl, geschärft auf blankem Leder
Personifikation
Ein Geist, den man schon viele Jahre Gedruckt bei Käsekrämern fand
Vergleich
Es donnerte auf die Gedichte