Zuruf

Wilhelm Jordan

1831

Wollt ihr denn immer nur seufzen und klagen Daß am vergänglichsten eben das Schöne? Laß wie im Lenz bis zum Herbste sie schlagen – Zauberlos würden der Nachtigal Töne. Heute noch hörst du mich, singt sie, drum lausche, Bald ist die Sangeszeit wieder vergangen! Inniges Fühlen im süßesten Rausche Schenkt uns allein dies heimliche Bangen.

Sieh, wir empfingen im sterblichen Loose Wonnegewürz mit der Gabe, zu trauern! Schöner und duftiger macht uns die Rose Eben der Wahnwunsch: möchte sie dauern! Süßer noch, wenn du mit ruhigem Muthe Denkst an den Winter, schmeckt dir die Frucht; Geizend erfüllen die letzte Minute Lehr′ uns der Freuden eilige Flucht.

Weil du noch lieben kannst, Sterblicher, liebe! Niemals erneuert sich was du versäumest, Und an dir selbst nur wirst du zum Diebe Wenn du von Liebesewigkeit träumest. Besser, die Lust wird zu Grabe getragen Ehe dein Herz an die Kost sich gewöhnt. Süßeste Freuden werden zu Plagen Wo sie kein Ende mit Ewigkeit krönt.

Doch was im höchsten Genuß wir verloren, Ewige Jugend hat es gewonnen; Schöner noch steigt es wiedergeboren Aus der Erinnerung magischem Bronnen, Aehnlich wie weiland die Göttin entstiegen, Liebegebietend, dem wogenden Schaum; Denn der Vergangenheit Schleier umschmiegen Alles was störte den seeligen Traum.

Ueber dem Abgrund mit schwankendem Kiele Tanzen des Lebens gebrechliche Boote – Zweifle nicht, daß es uns minder gefiele Wenn es der Tod nicht stündlich bedrohte. Eben im Kampf mit dem tobenden Meere Sollst du die Flagge des Glückes erhöhn. Glaube mir, wenn es kein Trauerspiel wäre, Wäre dies Spiel des Lebens nicht schön.

Breite entgegen die Schmetterlingsschwingen, Psyche, des Daseins freundlichem Glanze. Bis du, ermüdet nach muthigem Ringen, Reulos zurücksinkst in′s nachtende Ganze Lerne vereinigen Trauern und Scherzen, Wehmuth empfindend in jauchzender Brust, Wehmuth, die heimliche Freude der Schmerzen, Wehmuth, den heimlichen Schmerz in der Lust.

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Illustration zu Zuruf

Interpretation

Das Gedicht "Zuruf" von Wilhelm Jordan ist eine leidenschaftliche Aufforderung, das Leben in seiner Vergänglichkeit zu genießen und die Schönheit der vergänglichen Dinge zu schätzen. Der Dichter betont, dass die Vergänglichkeit selbst ein wesentlicher Bestandteil der Schönheit ist und dass ohne sie die Welt farblos und leblos wäre. Er ruft dazu auf, die Gegenwart zu umarmen und die flüchtigen Momente der Freude und des Glücks zu schätzen, da sie nicht wiederkehren werden. Jordan argumentiert, dass die Fähigkeit zu lieben und zu trauern ein Geschenk des sterblichen Daseins ist, das uns die Fähigkeit gibt, die Tiefe und Intensität der menschlichen Erfahrung zu erfahren. Er warnt davor, sich an die Lust zu gewöhnen oder nach ewiger Liebe zu streben, da dies die Freude verderben und zu einer Plage werden würde. Stattdessen ermutigt er dazu, die Lust zu genießen, solange sie dauert, und sie dann loszulassen, bevor sie ihren Reiz verliert. Das Gedicht endet mit einer Reflexion über die Rolle von Tod und Vergänglichkeit im Leben. Jordan deutet an, dass die Bedrohung durch den Tod das Leben erst lebenswert macht und dass der Kampf gegen die Widrigkeiten des Lebens uns die Möglichkeit gibt, das Glück zu erhöhen. Er ruft dazu auf, Trauer und Freude zu vereinen und Wehmut als eine "heimliche Freude der Schmerzen" zu empfinden, die uns hilft, die volle Bandbreite der menschlichen Erfahrung zu schätzen.

Schlüsselwörter

eben wehmuth heimliche trauern schöner freuden lust kein

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Stilmittel

Alliteration
Zauberlos würden der Nachtigal Töne
Hyperbel
Inniges Fühlen im süßesten Rausche
Metapher
Wehmuth, den heimlichen Schmerz in der Lust
Personifikation
Laß wie im Lenz bis zum Herbste sie schlagen