Zur Weinlese
1810Herr Bacchus ist der beste Mann Zu einem Schutzpatrone; Wir nehmen ihn zum Heilgen an: Bringt her die Epheukrone.
Es mag Herkul, der Griesgram, sich Mit Ungeheuern hauen; Hier wollen wir uns brüderlich Bey Libers Schlauch erbauen.
Mag Orpheus vor der Höllenthür, Der Bänkelsänger, leyern; Hier wollen wir ein Fest dafür Dem Rebengotte feyern.
Der Paduaner Anton mag Mit weisen Fischen reden; Hier wollen wir bey dem Gelag Im Wein die Grillen tödten.
Mag unsertwegen hundert Jahr, Zum Troste frommer Seelen, Ein dicker Mönch Sanct Januar Noch eins zu Tode quälen:
Mag ganz Neapel Zeter schreyn, So lang’ er nicht will schwitzen; Hier wollen wir im Rebenhain Bey großen Trauben sitzen:
Mit Weinlaub unser Haupt bekrönt, Und Thyrsen unsre Lanzen, Wenn hoch der Chor Evoeh tönt, Um Vater Bacchus tanzen:
Rund um den großen Wundermann Und seine Tieger springen; Und wer den Chor nicht halten kann, Doch mit Evoeh singen.
Er schuf der Kelter Zaubersaft, Und gab in Purpurreben Den Erdensöhnen Götterkraft Zu einem neuen Leben.
Er wandelt durch das Erdenrund Wohlthätig mit Geschenken, Vom Indusstrande nach Burgund, Die Sterblichen zu tränken.
Von Cypern bis zum Hoffnungskap, Von Tokay bis zum Rheine Deckt, wo er geht, sein Götterstab Die Hügel stracks mit Weine.
Er schickt sein gramverscheuchend Gut Entfernten Nationen, Die nah am Pol mit kaltem Blut Im Schoos des Winters wohnen.
Trinkt, Brüder, laßt uns Sterblichkeit Und Gruft und Tod vergessen, Und uns schon jetzt mit Ewigkeit Und mit den Göttern messen.
Trinkt, Winzer, eure Humpen leer, Und füllet Korb und Ständer, Und lehnt, wird euch das Haupt zu schwer, Euch fest an das Geländer.
Evoeh, Bacche, Jacche! Lyäens Nektar winket; Hebt volle Tummler in die Höh, Jauchzt Libern Dank, und trinket.
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Interpretation
Das Gedicht "Zur Weinlese" von Johann Gottfried Seume ist ein Loblied auf den Weingott Bacchus und die Freuden des Weintrinkens. Der Sprecher feiert Bacchus als den besten Schutzpatron und lädt dazu ein, gemeinsam in seiner Ehre zu feiern. Dabei werden andere mythologische Figuren wie Herkules, Orpheus und der Paduaner Anton erwähnt, die jedoch im Vergleich zu Bacchus als weniger bedeutsam dargestellt werden. Das Gedicht betont die betäubende und erhebende Wirkung des Weins, der als "Zaubersaft" bezeichnet wird und den Menschen "Götterkraft zu einem neuen Leben" verleiht. Bacchus wird als wandernder Wohltäter dargestellt, der seinen Segen von Indien bis nach Europa trägt und die Hügel mit Wein bedeckt. Der Wein wird als Mittel zur Überwindung von Sterblichkeit und Tod gefeiert, das den Menschen ermöglicht, sich mit den Göttern zu messen. Das Gedicht endet mit einem ausgelassenen Trinkgelage, bei dem die Winzer aufgerufen werden, ihre Humpen leerzutrinken und den Nektar des Weingottes zu feiern. Die Wiederholung des Trinkspruchs "Evoeh, Bacche, Jacche!" und die Aufforderung, "jauchzt Libern Dank, und trinket" unterstreichen die ausgelassene Stimmung und die Einladung, sich dem Rausch des Weins hinzugeben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Rund um den großen Wundermann
- Anapher
- Es wird die Phrase "Mag ..." mehrfach wiederholt, um einen rhythmischen und betonenden Effekt zu erzielen.
- Anspielung
- Mag Orpheus vor der Höllenthür
- Apostrophe
- Evoeh, Bacche, Jacche!
- Hyperbel
- Es mag Herkul, der Griesgram, sich / Mit Ungeheuern hauen
- Kontrast
- Mag unsertwegen hundert Jahr / Zum Troste frommer Seelen
- Metapher
- Lyäens Nektar winket
- Personifikation
- Er schuf der Kelter Zaubersaft
- Symbolik
- Sein Götterstab