Zur Warnung
Einmal nach einer lustigen Nacht
War ich am Morgen seltsam aufgewacht:
Durst, Wasserscheu, ungleich Geblüt,
Dabei gerührt und weichlich im Gemüt,
Beinah′ poetisch; ja ich bat die Muse um ein Lied.
Sie, mit verstelltem Pathos, spottet′ mein,
Gab mir den schnöden Bafel ein:
Am Wasserfall
Und ein Vogel ebenfalls,
Der schreibt sich Wendehals,
Johann Jakob Wendehals;
Der tut tanzen
Bei den Pflanzen
Obbemeld′ten Wasserfalls –
So ging es fort; mir wurde immer bänger.
Jetzt sprang ich auf: zum Wein! Der war denn auch mein Retter. –
Merkt′s euch, ihr tränenreichen Sänger:
Im Katzenjammer ruft man keine Götter!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Zur Warnung“ von Eduard Mörike beschreibt augenzwinkernd die Nachwehen einer durchzechten Nacht und die daraus resultierenden Gefühle und Erkenntnisse des lyrischen Ichs. Es beginnt mit einer Schilderung des Katers, der sich in körperlichen Symptomen wie Durst, Wasserscheu und einem melancholischen Gemütszustand äußert. Der ironische Ton wird durch die plötzliche Neigung zur Poesie noch verstärkt, wobei das lyrische Ich sogar die Muse um ein Lied bittet. Diese Situation wird humorvoll karikiert, indem die Muse mit verstelltem Pathos reagiert und dem lyrischen Ich einen banalen und sinnlosen Text vorgibt.
Der vorgegebene Text, der sich auf einen Wasserfall, einen Vogel namens Wendehals und dessen Tanz bezieht, wirkt völlig zusammenhanglos und unsinnig. Dies unterstreicht die innere Leere und den Verlust der Kreativität, der durch den Kater verursacht wird. Die Reaktion des lyrischen Ichs auf diesen absurden Text, nämlich zunehmendes Unbehagen, deutet darauf hin, dass es die Sinnlosigkeit der Situation erkennt. Mörike spielt hier mit der Erwartungshaltung des Lesers und stellt die übertriebene Ernsthaftigkeit und das Pathos mancher Dichtkunst in Frage.
Die Lösung des Problems, das der Kater mit sich bringt, findet das lyrische Ich im Wein. Dieser Akt der Selbsthilfe und die anschließende Erkenntnis sind von entscheidender Bedeutung. Der Wein dient als „Retter“ und löst die negativen Gefühle auf, die mit dem Kater verbunden sind. Die abschließende Mahnung „Merkt’s euch, ihr tränenreichen Sänger: / Im Katzenjammer ruft man keine Götter!“ richtet sich an die Dichter und Sänger. Diese Zeilen können als Kritik an der übertriebenen Sentimentalität und der mangelnden Selbstreflexion der Romantik verstanden werden, da die Götter scheinbar in einem solchen Zustand unerreichbar sind.
Mörike nutzt hier die scheinbar banale Erfahrung des Katers, um eine tiefere, humorvolle Reflexion über die Kreativität, die Romantik und die menschliche Natur zu liefern. Die Ironie des Gedichts liegt darin, dass der vermeintliche Zustand der Kreativität, der durch den Kater ausgelöst wird, tatsächlich zu einem sinnlosen und absurden Ergebnis führt. Das Gedicht plädiert somit für eine nüchterne Sichtweise, die die Bedeutung von Selbstreflexion und der Fähigkeit zur Selbstironie betont. Die Warnung bezieht sich somit weniger auf den Alkohol als auf die Gefahr, sich von negativen Emotionen beherrschen zu lassen, anstatt diese durch Selbstkontrolle zu überwinden.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.