Zur Mörike-Feier in Stuttgart
am 4. Mai 1876 gesprochen bei Bekränzung der Büste des Dichters.
Wir wissen‘ s wohl: du würdest dich erwehren;
Du liebtest nicht die öffentlichen Ehren,
Nicht vorzuglänzen war dein keuscher Wille
Und deine süße Freundin war die Stille.
Wir aber hier in dunkeln Körperschranken, –
Verzeih‘, o sel’ger Geist, – um dir zu danken,
So stille, wie du möchtest, nein!
So stille können wir nicht sein.
Doch fürchte Nichts! Wir sind nicht allzulaut,
Wir bitten nur ganz sachte, ganz vertraut:
Auf deiner Stirne sanfte Geisterhügel,
Umweht von fremder Lüfte weichem Flügel,
Nimm, von Apollo’s dunklem Blatt belaubt,
Den schlichten Kranz – du trägst ihn leicht,
Den Kranz, dem doch kein andrer gleicht, –
Es grünt dein Ruhm und wächst dir über’s Haupt.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Zur Mörike-Feier in Stuttgart“ von Friedrich Theodor Vischer, geschrieben anlässlich der Bekränzung von Eduard Mörikes Büste am 4. Mai 1876, ist eine Huldigung an den Dichter und eine Reflexion über die Widersprüche zwischen Mörikes zurückgezogener Natur und der öffentlichen Ehrung, die ihm zuteil wird. Das Gedicht beginnt mit der Anerkennung von Mörikes Zurückhaltung und seiner Abneigung gegen öffentliche Anerkennung und Prunk.
Der zweite Teil des Gedichts wendet sich direkt an den verehrten Dichter, entschuldigt sich für die Unruhe der Feier, die im Gegensatz zu Mörikes Vorliebe für Stille steht. Trotzdem wird eine Bitte formuliert: Mörike möge den Kranz, der ihm dargebracht wird, annehmen. Dieser Kranz, mit den Lorbeerblättern des Apollo geschmückt, symbolisiert den Ruhm des Dichters.
Das Gedicht ist von einem tiefen Verständnis für Mörikes Charakter geprägt, der Introspektion und Stille bevorzugte. Vischer bemüht sich, die Diskrepanz zwischen Mörikes Persönlichkeit und der öffentlichen Ehrung zu überbrücken, indem er die Feierlichkeiten als einen Akt des Dankes und der Wertschätzung darstellt, und sie mit der Bitte, den Kranz entgegenzunehmen, in den Hintergrund rückt. Die sanfte, vertraute Sprache spiegelt den Respekt wider, den Vischer für Mörike empfindet.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in der Ehrung von Mörikes Werk und Persönlichkeit. Es ist nicht nur eine Lobpreisung, sondern auch ein Ausdruck der Dankbarkeit für Mörikes Beitrag zur Literatur. Die abschließenden Zeilen, die den Ruhm des Dichters hervorheben, betonen die bleibende Bedeutung seines Werkes, das über seinen Kopf hinauswächst und somit in der Erinnerung der Menschen verankert bleibt.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.