Zur Hölle

Friedrich Theodor Vischer

1807

Du reizend Ungeheuer, Neig’ her den schönen Leib! Reich’ mir den Kelch voll Feuer Du wunderbares Weib!

Willst du mich küssen, drücken, Werd’ ich mich nicht entziehn, Spür’ ich in meinem Rücken Den Dolch auch immerhin.

Wie salzlos war’ die Liebe, Wie matt ihr Himmelsgold Wenn sie aus Einem Triebe Allein bestehen sollt'!

Da ist man erst gerühret, Das ist der rechte Spaß, Wenn Haß die Liebe schüret Und Liebe schürt den Haß.

In unsrem Liebesorden Mag man das Schlichte nicht, Da möchte man sich morden, Wenn man sich heiß umflicht.

Sag’, welches Erdgeists Laune Hat dich so stolz gebaut? Mir graut, indem ich staune, Ich staune, wie mir graut.

Sag’, welcher wilde Dichter Hat dich, o Weib, erdacht? In dir die Himmelslichter Gemischt mit Hadesnacht?

Du winkst mir in den Wagen, Er ist schon eingespannt, Zwei Rappen uns wohl tragen Du weißt, in welches Land.

Da bin ich schon zur Stelle, Die Geißel schwinge frei! Nun im Galopp zur Hölle! Hurrah, ich bin dabei!

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Illustration zu Zur Hölle

Interpretation

Das Gedicht "Zur Hölle" von Friedrich Theodor Vischer ist ein leidenschaftliches und widersprüchliches Loblied auf eine faszinierende, aber auch gefährliche Frau. Der Sprecher beschreibt sie als ein "reizendes Ungeheuer", das ihn mit ihrer Schönheit und ihrem Feuer in den Bann zieht, obwohl er weiß, dass sie ihm schaden könnte. Er sehnt sich nach ihrer Umarmung, obwohl er den Dolch in seinem Rücken spürt. Das Gedicht erforscht die Komplexität und Ambivalenz der Liebe, die aus einer Mischung von Hass und Liebe, Leidenschaft und Schmerz besteht. Der Sprecher findet diese widersprüchliche Liebe reizvoller als eine einfache, reine Liebe. Er beschreibt die Frau als eine Schöpfung eines wilden Dichters, die Himmel und Hölle in sich vereint. Im letzten Teil des Gedichts scheint der Sprecher bereit zu sein, mit dieser gefährlichen Frau in den Wagen der Hölle zu steigen. Er ergreift die Zügel und jauchzt, als sie im Galopp in Richtung Hölle davonrasen. Dies kann als Metapher für die Bereitschaft des Sprechers verstanden werden, sich auf eine leidenschaftliche, aber auch zerstörerische Beziehung einzulassen, in der er die Kontrolle aufgibt und sich von seinen Gefühlen mitreißen lässt.

Schlüsselwörter

liebe weib haß sag graut staune reizend ungeheuer

Wortwolke

Wortwolke zu Zur Hölle

Stilmittel

Alliteration
Da möchte man sich morden, Wenn man sich heiß umflicht
Anspielung
Zwei Rappen uns wohl tragen Du weißt, in welches Land
Bildsprache
Spür' ich in meinem Rücken Den Dolch auch immerhin
Hyperbel
Du winkst mir in den Wagen, Er ist schon eingespannt
Kontrast
Wie salzlos war' die Liebe, Wie matt ihr Himmelsgold
Metapher
Du reizend Ungeheuer, Neig' her den schönen Leib!
Parallelismus
Wenn Haß die Liebe schüret Und Liebe schürt den Haß
Personifikation
Reich' mir den Kelch voll Feuer
Rhetorische Frage
Sag', welches Erdgeists Laune Hat dich so stolz gebaut?