Zur Feier des 18. Junius
1824I
Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain, Seid mir gegrüßt, ihr meine deutschen Brüder; Auf! sammelt euch in festlich frohen Reihn, Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder; Daß heut der stolze Adler niedersank, Daß sich mein Volk einlöste mit dem Schwerte Sein Heldentum, der Freiheit Ruhm, die deutsche Erde, Trag′s zu den Wolken, donnernder Gesang!
Trübt auch die Wolke unsers Festes Glanz, Sind auch zerschlagen schon des Siegs Altäre, Die jüngst noch, in dem jungen Siegerkranz, Der Deutsche weihte seines Volkes Ehre; Mög Arglist auch und Trug mit finstrem Bann Dem Siegervolke noch die Zunge binden, Begeisterung, des Jünglings Dank soll′s laut verkünden »Wer dort gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!«
Denn auferstehen soll ein neu Geschlecht, Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen, Zu kämpfen für die Wahrheit und das Recht, Um deutsch zu sein, wie in der Vorzeit Tagen! Ein hoher Sinn stieg auf aus blut′gem Streit, Es kehrt der biedre Geist der Väter wieder, Und stolzer stehn, in deutscher Kraft und frei, o Brüder! Wir auf den Trümmern der vergangnen Zeit.
Drum tretet mutig in die Kämpferbahn, Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen! Fürs liebe Vaterland hinan! hinan! Doch nur von innen kann das Werk gelingen, Und nicht durch Völkerzwist, durch Waffenruhm, Nein, unser Weg geht durch Minervas Hallen; Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchsten wallen, Erschaffen uns ein echtes Bürgertum!
Ja! so ersteht ein freies Vaterland, O Bruderbund, dies hast du dir erkoren! Hebt in die Lüfte auf die treue Hand, Dem Vaterlande sei es fest geschworen! O schöne Saat! der junge Stamm erblüht, Und schützend ragt er auf, wie Deutschlands Eichen, Blüh schöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen, Und fern dahin die dunkle Wolke zieht.
II
(Weise: Raste, Scharnhorst! etc.)
Ferne in der fremden Erde, Ruhet ihr bei eurem Schwerte, In des Todes sichrer Hut: Heil′ger Frieden Lohnt euch Müden Nach des Tages heißer Glut.
Hörtet Siegesdonner schallen, Feindesfahnen saht ihr fallen, Als der Tod das Auge brach: Heil euch Lieben! Träumet drüben Von des Sieges goldnem Tag.
Selig preis ich eure Lose In der Erde kühlem Schoße, Denn ihr saht der Freiheit Licht! Saht sie steigen Über Leichen, Wie die Sonn durch Wetter bricht.
Hier in eurem Siegestale, Denken wir beim Todesmahle Innig eurer Siegerschar, Und wir gießen, Euch zu grüßen, Tränen auf den Festaltar.
III
(Weise: Wo Mut und Kraft)
Reiß ab den Trauerflor, der dich verhüllte, Schwing dich herab und brich den dumpfen Schmerz, Nach dir, nach dir, nach deinem Götterbilde Sehnt sich so innig deiner Söhne Herz; O komm, die Schwerter blinken, Des Altars Kränze winken, Für dich, o Freiheit, ist der Hain geschmückt, Zu deinem Kranz die Blumen dort gepflückt.
Denn, wo ein Volk, der Knechtschaft Joch zu brechen, Sich Mann für Mann die treue Rechte beut Und sich erhebt, die alte Schmach zu rächen, Und Gut und Leben für das Höchste weiht, Da steigt aus Himmelhöhen Herab dein süßes Wehen, Du fliegst voran, du ziehst das Siegerschwert Und stehst mit ihnen für der Heimat Herd.
Und wo im Tal die Banner sich entrollen, Zu Sieg und Tod die Kriegsdrommete klingt, Wo sie für dich das Herzblut freudig zollen, Und aufs ersiegte Land der Jüngling sinkt: Da schwebst du mild hernieder, Führst die gefallnen Brüder Im Siegesdonner aus dem blut′gen Tal Hinauf, hinauf in deinen Heldensaal.
Doch wo ein Volk aus seinen Freudeträumen Zu armer, trüber Wirklichkeit erwacht, Wo aus der Morgenröte goldnen Säumen Ein trübes Licht in kalten Nebeln tagt, Entschwebte da auf immer Dein froher Hoffnungsschimmer? - Du weilest noch - ein Stamm ist dir noch treu, Groß ist der Mut, wie klein die Schar auch sei!
Wo ein Gefühl in jeder Brust geklungen, Wo eine Sehnsucht aus dem Auge quillt, Wo Jünglingsherzen eine Glut durchdrungen, Da säumst du nicht, du holdes Götterbild: Drum senke dein Gefieder Zu deinem Altar nieder! Du nahst, du nahst - ich höre deinen Gang Hoch über unsrer Hymnen Festgesang.
IV
So nahst du wieder, holde Siegesfeier, Die unsre Brust mit süßen Träumen füllt, Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt; Du nahst - und alle Herzen schlagen freier, Gesang und Jubel tönet durchs Gefild, Und meiner Brüder frohe Blicke sagen: »Es war mein Volk, das diese Schlacht geschlagen!«
Es war mein Volk! und nicht die frohen Binden Von Eichlaub sollten schmücken das Gelag; Wohl sollten wir Zypressenkränze winden, Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag; Doch - den Gefallnen laßt uns Kränze winden, Und einmal noch am frohen Siegestag, Weil rings um uns des Sieges Früchte welken, Laßt uns in der Erinnrung Träumen schwelgen.
Drum grüß ich dich, du Feld, wo sie gefallen, Wo froh ihr Aug im Siegesdonner brach! Drum grüß ich euch in euern Wolkenhallen, Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unsre Schmach! Euch tapfern Sängern, euch ihr Helden allen, Euch tönen unsre Liebesgrüße nach, Und euch, die ihr dem Auge schnell entschwunden, Der jungen Freiheit kurze Frühlingsstunden!
Und hätte man den Denkstein euch zerschlagen Und eure Kränze in den Staub gedrückt: Die Blumen haben in des Frühlings Tagen Der Helden Grab mit neuem Grün geschmückt. So keimt auch unsre Hoffnung unter Klagen; Denn ob der Sturm sie Blatt für Blatt zerpflückt, Neu sproßt sie aus dem Hügel eurer Leichen, Und Gott wird wachen über ihren Zweigen.
V
Wo eine Glut die Herzen bindet, Wo Aug dem Auge nur verkündet, Was Sehnsucht in dem Herzen spricht; Wo, wenn der Sturm die Form zerspaltet, Die Gottheit in den Trümmern waltet, Kennt man der Liebe Trennung nicht.
Heran, ihr Brüder! Nord und Süden, Ob euch des Herrschers Wink geschieden, Laßt uns ein Volk von Brüdern sein: Schließt ja in Schönbunds weiten Auen Von allen Strömen, allen Gauen Ein Rasen unsre Brüder ein.
Wohl ist der Siegsgesang verklungen, Ganz anders wird jetzt vorgesungen, Ganz andre Weisen spielt man vor; Doch tönt, von Wehmut fortgetragen, Ein Ton noch aus den bessern Tagen. Und schlägt an manch empfänglich Ohr.
Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen Den alten Ton herüberklingen Von unsrer Brüder Schlachtgefild? Der Einklang ist′s von tausend Tönen, Der mächtig in Germanias Söhnen Zu der Begeistrung Wogen schwillt.
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Interpretation
Das Gedicht "Zur Feier des 18. Junius" von Wilhelm Hauff ist eine patriotische Ode, die die Befreiungskriege gegen Napoleon und den Sieg über die französische Herrschaft feiert. Hauff ruft seine deutschen Brüder dazu auf, sich in festlichem Reigen zu versammeln und fröhliche Siegeslieder anzustimmen. Er betont, dass das deutsche Volk sich mit dem Schwert sein Heldentum und die Freiheit erkämpft hat. Das Gedicht besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil preist Hauff den Sieg und die Befreiung Deutschlands. Im zweiten Teil gedenkt er der gefallenen Helden und wünscht ihnen Frieden in der Fremde. Im dritten Teil beschwört er die Freiheit herab und preist sie als Göttin, die den Kampf der Deutschen angeführt hat. Im vierten Teil begrüßt Hauff die Siegesfeier und gedenkt der Toten. Im fünften Teil ruft er zur Einheit der Deutschen auf und beschwört die alten Tage des Kampfes. Das Gedicht ist in einem feierlichen und pathetischen Ton gehalten. Hauff verwendet viele rhetorische Mittel wie Anaphern, Metaphern und Apostrophen, um seine Botschaft zu verstärken. Er appelliert an die Emotionen und die nationale Identität seiner Leser. Das Gedicht spiegelt die Stimmung der Zeit wider, als sich das deutsche Volk nach der Befreiung von Napoleon neu formierte und nach einem gemeinsamen Vaterland strebte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Trag′s zu den Wolken, donnernder Gesang!
- Metapher
- Wohl ist der Siegsgesang verklungen
- Personifikation
- Zu der Begeistrung Wogen schwillt
- Personifikher
- Von des Sieges goldnem Tag