Zur Einweihung eines Brüdertempels
1821In des neuen Tempels Hallen Tritt feiernd ein der Brüder Schar. So laßt das erste Lied erschallen Dem Gott, der sein wird, ist und war. Der alte Bau war ihm geweiht, So segn′ er auch den neuen heut!
Ihn bannet keine heilge Stätte, Er waltet durch die weite Welt; Es fehlt sein Arm in keiner Kette, Die Liebe knüpft und Liebe hält. Er ist auch hier in unsrer Schar, Der Gott. der sein wird, ist und war.
Der Gott der Liebe, dessen Tempel Der Mensch in seinem Busen trägt, Der Meister, der der Liebe Stempel Dem Weltenbau hat eingeprägt, Er, der mit Schönheit, Weisheit, Kraft Geschaffen hat und ewig schafft.
O großer Bauherr, lehr uns richten Auch unsern Bau nach deinem Geist! Dann wird die Macht ihn nicht vernichten, Die Babels Mauern niederreißt. Was Hände bauen, stürzt die Zeit, Wir bauen für die Ewigkeit.
Wir bauen nicht auf Erdengrunde Ein Werk aus Mörtel, Sand und Stein. In unsers eignen Busens Runde Soll unsers Tempels Stätte sein. Wir bauen in uns fort und fort Der Menschheit Bau mit Tat und Wort.
Und soll der Bau in uns gedeihen, So lasset uns nicht müßiggehn. Wir müssen all uns Einem weihen, Soll allen dieses Ein erstehn. Die Eintracht der vereinten Kraft, Sie ist es, die das Werk erschafft.
So haltet treu und fest, ihr Glieder Der Kette, so die Welt umkreist! Ein Wort versammelt alle Brüder, Und alle Herzen regt ein Geist, Der Geist der Schönheit, Weisheit, Kraft, Der schaffen wird und schuf und schafft.
Wohlauf, ihr rüstigen Genossen, Auf, daß der Tempel steig empor! Und ist der große Bau geschlossen, So öffnen wir das heilge Tor, Und alle Menschen treten ein, Und alle sollen Brüder sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Zur Einweihung eines Brüdertempels" von Wilhelm Müller thematisiert die Einweihung eines Tempels als Symbol für die Einheit und Gemeinschaft der Menschen. Der Dichter betont, dass der Gott der Liebe in jedem Menschen wohnt und die Brüderlichkeit verbindet. Der neue Tempel soll ein Ort sein, an dem sich alle Menschen als Brüder fühlen und gemeinsam für die Ewigkeit bauen. Müller stellt die Liebe als zentrales Element der Menschheit dar und vergleicht sie mit einem Meister, der den Weltenbau mit seinem Stempel geprägt hat. Der Bauherr, also Gott, soll den Menschen lehren, nach seinem Geist zu bauen, um ein Werk zu schaffen, das der Zeit standhält. Der Dichter betont, dass der Mensch nicht auf materielle Dinge bauen soll, sondern auf die innere Runde seines Busens, wo der Tempel der Menschheit entstehen soll. Die Brüderlichkeit und Einigkeit der Menschen wird als entscheidender Faktor für den Erfolg des Tempelbaues dargestellt. Die Eintracht der vereinten Kräfte soll das Werk erschaffen und die Welt umkreisen. Der Dichter ruft die "rüstigen Genossen" auf, den Tempel emporsteigen zu lassen und das heilige Tor zu öffnen, damit alle Menschen eintreten und sich als Brüder fühlen können.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Allegorie
- Wir bauen für die Ewigkeit.
- Anapher
- Der Gott, der sein wird, ist und war.
- Hyperbel
- Und alle sollen Brüder sein!
- Metapher
- In des neuen Tempels Hallen
- Parallelismus
- Der Gott der Liebe, dessen Tempel Der Mensch in seinem Busen trägt
- Personifikation
- Die Liebe knüpft und Liebe hält.
- Rhetorische Frage
- So haltet treu und fest, ihr Glieder Der Kette, so die Welt umkreist!
- Symbolik
- Der Meister, der der Liebe Stempel Dem Weltenbau hat eingeprägt