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Zur Beruhigung

Von

Wir schlafen ganz, wie Brutus schlief –
Doch jener erwachte und bohrte tief
In Cäsars Brust das kalte Messer!
Die Römer waren Tyrannenfresser.

Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak.
Ein jedes Volk hat seinen Geschmack,
Ein jedes Volk hat seine Größe;
In Schwaben kocht man die besten Klöße.

Wir sind Germanen, gemütlich und brav,
Wir schlafen gesunden Pflanzenschlaf,
Und wenn wir erwachen, pflegt uns zu dürsten,
Doch nicht nach dem Blute unserer Fürsten.

Wir sind so treu wie Eichenholz,
Auch Lindenholz, drauf sind wir stolz;
Im Land der Eichen und der Linden
Wird niemals sich ein Brutus finden.

Und wenn auch ein Brutus unter uns wär,
Den Cäsar fänd er nimmermehr,
Vergeblich würd er den Cäsar suchen;
Wir haben gute Pfefferkuchen.

Wir haben sechsunddreißig Herrn
(Ist nicht zuviel!), und einen Stern
Trägt jeder schützend auf seinem Herzen,
Und er braucht nicht zu fürchten die Iden des Märzen.

Wir nennen sie Väter, und Vaterland
Benennen wir dasjenige Land,
Das erbeigentümlich gehört den Fürsten;
Wir lieben auch Sauerkraut mit Würsten.

Wenn unser Vater spazierengeht,
Ziehn wir den Hut mit Pietät;
Deutschland, die fromme Kinderstube,
Ist keine römische Mördergrube.

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Gedicht: Zur Beruhigung von Heinrich Heine

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Zur Beruhigung“ von Heinrich Heine ist eine ironische Abrechnung mit dem deutschen Spießbürgertum und dessen politischer Apathie im 19. Jahrhundert. Heine bedient sich dabei einer scheinbar beruhigenden, volksliedhaften Sprache, um die Trägheit und das Desinteresse der Deutschen an politischen Umwälzungen zu karikieren. Der Dichter kontrastiert die vermeintliche Ruhe und Gemütlichkeit des deutschen Volkes mit der revolutionären Vergangenheit und dem Freiheitsdrang des römischen Reiches.

Das Gedicht beginnt mit einem direkten Vergleich zu Brutus und dessen Ermordung Cäsars, um sofort einen Kontrast aufzubauen. Die Ironie liegt darin, dass die Deutschen sich, im Gegensatz zu den Römern, mit Tabakrauchen und dem Genuss von Klößen begnügen. Sie sind keine Tyrannenfresser, sondern ein „gemütliches und braves“ Volk, das einen tiefen, erholsamen Schlaf pflegt und sich nicht nach dem Blut ihrer Fürsten sehnt. Diese scheinbare Zufriedenheit wird im Laufe des Gedichts immer deutlicher als eine bequeme, selbstgefällige Ignoranz entlarvt.

Heine verwendet eine Reihe von Stilmitteln, um seine Satire zu verstärken. Reimschema und Rhythmus erinnern an Volkslieder, was den Eindruck von Harmonie und Einfachheit erweckt. Die Verwendung von Bildern wie Eichenholz, Lindenholz, Pfefferkuchen und Sauerkraut verstärkt das Bild der deutschen Gemütlichkeit. Die Aufzählung der 36 „Herrn“ und die Erwähnung des „Sterns“ (als Symbol für Adel und Macht) unterstreichen die politische Ordnung und das Untertanenverhältnis, das die Bürger als gegeben hinnehmen. Die wiederholte Betonung, dass Deutschland keine römische „Mördergrube“ sei, verdeutlicht die politische Unaufrichtigkeit und die Unterwürfigkeit der Deutschen.

Die scheinbare Ruhe und Friedfertigkeit, die das Gedicht suggeriert, werden so zu einem Spiegelbild der politischen Unfreiheit und des mangelnden Engagements. Heine offenbart durch die Ironie die politische Unmündigkeit und das Desinteresse des deutschen Volkes an einer aktiven Gestaltung der eigenen politischen Verhältnisse. Das Gedicht ist somit eine Kritik an der Obrigkeitshörigkeit und der mangelnden Bereitschaft zur Veränderung, die das deutsche Bürgertum in der Zeit des Vormärz auszeichnete. Die abschließenden Zeilen verstärken diesen Eindruck, indem sie die tiefe Verehrung für die Obrigkeit und das Festhalten an traditionellen Werten hervorheben.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.