Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.
Zum Einschlafen zu sagen
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Zum Einschlafen zu sagen“ von Rainer Maria Rilke ist eine zärtliche und intime Meditation über das Wünschen und die Sehnsucht nach Geborgenheit und Fürsorge. Es offenbart eine tiefe menschliche Sehnsucht nach Nähe und dem Wunsch, Teil einer schützenden Gemeinschaft zu sein. Die lyrische Ich-Form spricht von einem starken Bedürfnis nach Trost und der Fähigkeit, andere zu trösten.
Die ersten vier Verse drücken den Wunsch nach einer intensiven Verbundenheit aus. „Ich möchte jemanden einsingen / bei jemandem sitzen und sein.“ – dieser simple Wunsch nach Begleitung und Geborgenheit. Das „wiegen und kleinsingen“ vermittelt ein Gefühl von Schutz und Fürsorge, ein Zurückkehren in einen Zustand der kindlichen Unbeschwertheit und des Geborgenseins. Der Wunsch, „dich […] begleiten schlafaus und schlafein“ spricht von der Hingabe und dem Wunsch, die andere Person in allen Lebenslagen zu begleiten und zu beschützen.
Die darauffolgenden Verse erweitern diesen intimen Kreis und nehmen die Umgebung in den Blick. Das lyrische Ich möchte der Einzige sein, der die Kälte der Nacht wahrnimmt, ein Bild der Fürsorge, das die ganze Welt umfasst. Es möchte in die geliebte Person, die Welt und den Wald hineinhorchen, als ob es die Sicherheit und den Frieden aus dieser Dreieinigkeit saugen wollte. Die Beschreibung der Welt draußen, mit den schlagenden Uhren, dem fremden Mann und dem Hund, schafft eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens, gleichzeitig betont es aber die Einsamkeit und die Stille der Nacht, aus der das lyrische Ich Zuflucht sucht.
Der Schluss des Gedichts konzentriert sich wieder auf die geliebte Person. Das „Ich habe groß / die Augen auf dich gelegt“ ist ein Akt der Aufmerksamkeit und des Schutzes. Der Blick des lyrischen Ichs wird zu einem Schild, der die andere Person sanft festhält und beschützt, bis sich im Dunkeln etwas bewegt. Diese Bewegung deutet auf eine neue Realität, auf das Entstehen einer anderen Welt. Die Augen werden losgelassen, ein Bild des Vertrauens und der Hingabe, das die Fähigkeit des Ichs zum Loslassen widerspiegelt, ein Zeichen der tiefen Liebe und des Vertrauens. Rilkes Gedicht ist eine berührende Reflexion über die menschliche Sehnsucht nach Geborgenheit, der Schutz der Liebe und die Akzeptanz des Wandels.
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