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Zuflucht

Von

Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher,
dicht umdunkelt rings von Weidenruten,
breitet eine Pappel ihre schwanken
Zweige nickend über Schilf und Fluten.

Seltsam heimlich ist′s an diesem Orte;
schon als Knabe hab ich hier gesessen
und mich ausgeweint im Schutz der hohen
Binsen und mein junges Leid vergessen.

Wieder starr ich in das schwarze Wasser,
aber keine Träne will mir kommen;
nur die schwanken Pappelzweige seh ich
dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.

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Gedicht: Zuflucht von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Zuflucht“ von Richard Dehmel ist eine melancholische Betrachtung über die Suche nach Trost und die Unfähigkeit, diesen zu finden, trotz vertrauter Umgebung. Es beginnt mit der Beschreibung eines idyllischen, abgelegenen Ortes am Weiher hinter dem Elternhaus, der von Weiden und einer Pappel umgeben ist. Diese detaillierte Schilderung schafft eine Atmosphäre der Geborgenheit und des Rückzugs, ein Ort, der in der Kindheit bereits als Zufluchtsort diente, um Kummer zu verarbeiten.

Die zweite Strophe verstärkt diesen Eindruck, indem die Erinnerung an die Kindheit und das „junge Leid“ beschworen werden. Der Dichter erinnert sich daran, wie er als Kind an diesem Ort saß und weinte, im Schutz der hohen Binsen seinen Schmerz vergaß. Diese Wiederholung der Erfahrung deutet darauf hin, dass der Ort eine wichtige emotionale Funktion hatte, eine Art Heiligtum, in dem man sich sicher und beschützt fühlte. Die Wiederholung des Besuches, diesmal als Erwachsener, lässt auf eine tiefe Sehnsucht nach diesem Trost schließen.

Die dritte Strophe markiert jedoch eine Wendung. Trotz der Rückkehr an den vertrauten Ort findet der Dichter keinen Trost. Das „schwarze Wasser“ spiegelt die innere Leere wider, und die fehlenden Tränen signalisieren, dass das Leid nicht mehr in der gleichen Weise bewältigt werden kann. Die Spiegelung der Pappelzweige, die „winkend, bleich, verschwommen“ erscheinen, verstärkt die Atmosphäre der Distanz und des Verlustes. Die Natur, einst Verbündete und Tröster, wirkt nun entfremdet.

Das Gedicht thematisiert somit die Vergänglichkeit von Erfahrungen und die Unfähigkeit, vergangene Zustände zu reproduzieren. Der Ort der Zuflucht existiert weiterhin, aber seine heilende Wirkung ist verblasst. Dehmel verwebt eine elegische Stimmung mit der Erkenntnis, dass der Prozess des Trostes und der Trauerverarbeitung sich im Laufe des Lebens verändert. Der Fokus liegt nun auf der Erinnerung an die Kindheit und der Wehmut über den Verlust der Unschuld und der Fähigkeit, das Leid in seiner Ursprünglichkeit zu erleben und zu überwinden.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.