Zu Victor Scheffel′s sechzigstem Geburtstag

Felix Dahn

1876

Mein theurer Freund! Nun wirst Du sechzig Jahre: Und dreißig werden′s, daß wir Freunde sind: Ein Menschenalter, voll von Lieb′ und Treue, Von keinem leisen Mißklang je gestört.

Um unsre Schläfe wogte braun Gelock, Da wir zuerst im Haus des alten Thiersch In München uns geseh′n und bald empfunden, Daß innerlichst zusammen wir gehören.

Es hatte just der Ekkehard, der stille, Selbst des Trompeters helle Ruhmfanfare Laut übertönt: Du aber sannst bereits Auf andre Weisen von noch höh′rem Ton:

»Die alte Freundin geistert auf den Straßen!« Frau Aventiure lockte Dich davon In Einsamkeit des Bergwalds und des Winters, Und dort erwuchsen jene Lieder, denen In deutscher Sprache keine sich vergleichen. -

Welch′ bunte Wechsel sah′n die dreißig Jahre! »Modern« ward Mancher rasch, vergessen rascher, Und in der deutschen Dichtung hat der Wind Des Tagsgeschmacks unzählbar oft gewechselt. Du bliebst Dir gleich. - Und gleich auch blieb ich mir: So sind wir immer Hand in Hand gestanden, Mag den modernsten Schmutz man von Paris, Mag den Berlins man als »das Schöne« preisen Und als der Dichtung Zweck, das Ekelhafte Zu conterfei′n, »zu lösen die Probleme Der Gegenwart« - (mit Versen und Romanen!) Mag Volk und Stat man aus der Dichtung bannen, Langweilig unsre Heldenvorzeit scheltend Nur Liebesgirren als der Dichtung Stoff Zulassen in Boudoir und Thee-Salon: - Uns kümmerte nicht! - Fernab vom Lärm des Tages, Von der Reclame Narrenschellngerassel, Steh′n wir, getreu den Jugendidealen, Das Schöne bildend um der Schönheit willen, Aus grauer Vorzeit bis zur Gegenwart Die Wandlungen und minder nicht die Stäte Von unsres Volkes Eigenart erkundend, Des neuen Reichs uns freuend, dessen Werth Die freilich nicht verstehen, die es nicht Gleich uns entbehrt, ersehnt und miterkämpft. Weil wir der Jugend treu geblieben sind, Blieb uns die Jugend treu. Drum Gaudeamus!

Glück auf zu Deinen Sechzigen, mein Victor: Im Jubeljahr von Deinem Heidelberg, Ein Sieger, schaust Du rückwärts auf Dein Leben!

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Illustration zu Zu Victor Scheffel′s sechzigstem Geburtstag

Interpretation

Das Gedicht "Zu Victor Scheffel's sechzigstem Geburtstag" von Felix Dahn ist eine herzliche Hommage an den Dichter Victor Scheffel anlässlich seines sechzigsten Geburtstags. Dahn erinnert an die dreißigjährige Freundschaft zwischen ihnen, die von Liebe und Treue geprägt war und nie durch Missklang gestört wurde. Er beschreibt ihre erste Begegnung in München und die gemeinsame Verbundenheit, die sich schnell entwickelte. Dahn würdigt Scheffels künstlerische Entwicklung und seinen einzigartigen Beitrag zur deutschen Literatur. Er erwähnt, wie Scheffel von Frau Aventiure inspiriert wurde und in Einsamkeit Lieder schuf, die in der deutschen Sprache ihresgleichen suchen. Das Gedicht reflektiert auch die Veränderungen in der Literaturwelt über die Jahre, wobei Dahn betont, dass sowohl er als auch Scheffel ihrer künstlerischen Vision treu geblieben sind, unabhängig von modischen Strömungen oder äußeren Einflüssen. In den abschließenden Abschnitten feiert Dahn Scheffels Erfolg und seine Treue zu den Idealen der Jugend. Er lobt Scheffels Fähigkeit, das Schöne um der Schönheit willen zu gestalten und die Entwicklung des deutschen Volkes von der Vorzeit bis zur Gegenwart zu erforschen. Das Gedicht endet mit einem optimistischen Ausblick auf Scheffels Zukunft und einer Einladung zum Feiern, wobei Dahn seine Bewunderung für Scheffels Lebenswerk und seinen Beitrag zum neuen Reich zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Mag den modernsten Schmutz man von Paris
Hyperbel
In deutscher Sprache keine sich vergleichen
Kontrast
Modern ward Mancher rasch, vergessen rascher
Metapher
Ein Sieger, schaust Du rückwärts auf Dein Leben
Personifikation
Frau Aventiure lockte Dich davon