Zu tun! Zu tun!

Kurt Tucholsky

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Heute lese ich da in der Zeitung: In Los Angeles gibt’s einen Schnapsverein, und man befürchtet seine Verbreitung in dem übrigen Land - dabei fällt mir ein: Ich sollte mal wieder an Edith schreiben (in Kalifornien) - seit Januar liegt der Brief da, und ich lass es bleiben und verschieb es nun schon ein halbes Jahr. Das ist nicht richtig. Es nimmt mir die Ruh. Aber… ich komme nicht dazu.

Der Arzt sagt, ich soll mir Bewegung machen. Da gibt es so eine Schule für Sport… Auf dem Boden liegen noch alte Sachen, die sollten doch längst für die Armen fort! Bin ich an Vaterns Grab gewesen? Ich nehm es mir vor - und dabei wird’s nie. Das Gelbbuch wollte ich immer mal lesen, das und Simmels Soziologie. Wie oft wollt ich schon nach Friedrichsruh! Aber… ich komme nicht dazu.

Einstmals, wenn die Posaunen schallen, steigt auf der Berliner aus seinem Grab. Und er steht in der ersten Reihe vor allen - (“Weil ich doch meine Beziehungen hab!”) Gott, der Herr, mild und voll Frieden, der über allen Gewässern schwebt, spricht: “Berliner! Was tatst du hienieden? Menschenskind! Wie hast du gelebt -?”

Und der Berliner sagt darauf verschwommen: “Ich… bin leider nicht dazu gekommen.”

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Illustration zu Zu tun! Zu tun!

Interpretation

Das Gedicht "Zu tun! Zu tun!" von Kurt Tucholsky thematisiert die menschliche Neigung zur Prokrastination und die alltäglichen Ausreden, die wir finden, um wichtige Dinge immer wieder aufzuschieben. Der Erzähler führt eine Liste von Dingen auf, die er schon lange erledigen wollte, aber nie dazu gekommen ist. Von dem Schreiben eines Briefes an eine Freundin in Kalifornien über das Besuchen des Grabes des Vaters bis hin zum Lesen bestimmter Bücher - all diese Vorhaben bleiben unerfüllt. Tucholsky nutzt Humor und Ironie, um die Absurdität dieser Ausreden aufzuzeigen. Der Erzähler findet immer wieder neue Gründe, warum er die Dinge nicht erledigen kann, obwohl er sich bewusst ist, dass es nicht richtig ist. Die Wiederholung des Satzes "Aber... ich komme nicht dazu" unterstreicht die Frustration und die Hilflosigkeit des Erzählers angesichts seiner eigenen Untätigkeit. Im letzten Strophenwechsel wird die Situation ins Absurde gesteigert, indem der Erzähler sich vorstellt, wie er vor Gott steht und Rechenschaft über sein Leben ablegen muss. Auch hier findet er eine Ausrede: "Ich... bin leider nicht dazu gekommen." Diese letzte Wendung verdeutlicht die Tragikomik des menschlichen Daseins, in dem wir oft die wichtigen Dinge des Lebens aufschieben, bis es zu spät ist.

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Stilmittel

Alliteration
Heute lese ich da in der Zeitung
Anapher
Und er steht in der ersten Reihe vor allen
Assonanz
Und er steht in der ersten Reihe vor allen
Enjambement
Heute lese ich da in der Zeitung: In Los Angeles gibt's einen Schnapsverein
Metapher
steigt auf der Berliner aus seinem Grab
Personifikation
Gott, der Herr, mild und voll Frieden
Reimschema
A B A B
Rhetorische Frage
Berliner! Was tatst du hienieden?
Symbolik
Einstmals, wenn die Posaunen schallen