Zu einem »Lied ohne Worte«

Luise Büchner

1862

Ich fleh′ zu dir, o, lausche meinen Tönen, Die sanfte Luft zu deinem Ohre trägt, Lass′ sagen meines Liedes heißes Sehnen, Was lange schon mein volles Herz bewegt. Du lauschst ja auch der Aeolsharfe Klingen, Wenn sanfter Wind durch ihre Saiten zieht, Und lächelst fröhlich bei der Lerche Singen - So lächle jetzt auch freundlich meinem Lied. Denn, um das Herz dir schmeichelnd zu erschließen, Hab′ ich manch′ süßen Ton hineingebannt, Und, die vom Himmel sich zur Erd′ ergießen, Die Melodieen der Natur entwandt. Der Nachtigall lauscht′ ich im dunklen Hain, Sog ihren vollsten Ton in′s Herz hinein, Ich hörte, was bei′m sanften Sternenlicht Geheim die Lilie zu der Rose spricht. Ich lag im Wald am mos′gen Felsenhang, Aus dessen Brust ein Bächlein murmelnd sprang, Des Rieselns Sinn hab′ ich ihm abgelauscht, Und wie′s ihm Antwort durch die Zweige rauscht. - Sein Nachtgebet das letzte Vöglein sang, Zur Ruhe mahnt der Abendglocke Klang, Nur leise summt noch die Cikade dort, Die Glocke schweigt in zitterndem Accord, Ein Seufzer noch - dann hört mein Ohr mit Beben Des Tages letzten Laut in Nacht verschweben. Auf ging der Mond, und neue Melodie′n Begannen durch die stille Nacht zu zieh′n; Der Erd′ entströmten süße Liebesklagen, Die milde Lüfte hoch gen Himmel tragen, D′raus leise tröstend Töne niederwallen, Wie droben sie von Engelsharfen schallen. Der Erde Leid, des Himmels sel′ge Lust - Töne strömen dir aus meiner Brust.

Und Blumensprach′ und Nachtigallensang

Und Bachesmurmeln, Abendglockenklang, Dies Alles ist in meinem Lied erklungen, Ich hab′ dir′s zitternd, bebend vorgesungen.

Dein dunkles Auge eine Thräne füllt, Ein Seufzer deinen Lippen sanft entquillt, Mein flehend Lied, es hat dein Herz erweicht, Des Lebens höchstes Ziel, es ist erreicht! Da wollt′ ich jubeln wie der Wasserfall, So sollte donnern meiner Töne Schall, Da wollt′ ich jauchzen, wie die junge Welt, Wenn Sonnenkuß nach langer Nacht sie hellt. Hin ist die Kraft - mir blieb ein einz′ger Ton, Wie betend Engelslippen er entfloh′n!

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Illustration zu Zu einem »Lied ohne Worte«

Interpretation

Das Gedicht "Zu einem »Lied ohne Worte«" von Luise Büchner ist ein emotionales Plädoyer an einen unbekannten Adressaten, der gebeten wird, auf die Töne des lyrischen Ichs zu lauschen. Die Sprecherin fleht darum, dass ihre Worte gehört und verstanden werden, und vergleicht dies mit der Aufmerksamkeit, die man der Natur und ihren Klängen schenkt. Sie hat ihre Gefühle in ihrem Lied eingefangen und hofft, dass es das Herz des Zuhörers berührt. Die Sprecherin beschreibt, wie sie die Melodien der Natur in ihr Lied eingewoben hat. Sie lauschte der Nachtigall im dunklen Hain, hörte die geheimen Gespräche zwischen Lilie und Rose bei Sternenlicht und verbrachte Zeit im Wald, um das Rauschen des Baches und das Rascheln der Zweige einzufangen. Sie erwähnt auch das Nachtgebet des letzten Vogels, das Läuten der Abendglocke und das Zirpen der Zikade. Diese natürlichen Klänge und die Stille der Nacht inspirieren sie zu neuen Melodien, die sie als Ausdruck von Erde und Himmel empfindet. Im letzten Teil des Gedichts erfährt die Sprecherin, dass ihr Lied erfolgreich war. Das Auge des Zuhörers füllt sich mit einer Träne, und ein Seufzer entweicht seinen Lippen. Das Herz des Zuhörers wurde durch das Lied erweicht, und das höchste Ziel des Lebens wurde erreicht. Die Sprecherin möchte vor Freude jubeln wie ein Wasserfall oder jauchzen wie die junge Welt, aber ihre Kraft schwindet. Nur noch ein einziger Ton entflieht ihren Lippen, wie ein betendes Engelslied.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Ich fleh' zu dir, o, lausche meinen Tönen
Hyperbel
Hab' ich manch' süßen Ton hineingebannt
Metapher
Wie betend Engelslippen er entfloh'n
Personifikation
Zur Ruhe mahnt der Abendglocke Klang