Zu Bacharach am Rheine
1800Zu Bacharach am Rheine Wohnt eine Zauberin, Sie war so schön und feine Und riß viel Herzen hin.
Und brachte viel zu schanden Der Männer rings umher, Aus ihren Liebesbanden War keine Rettung mehr.
Der Bischof ließ sie laden Vor geistliche Gewalt - Und mußte sie begnaden, So schön war ihr’ Gestalt.
Er sprach zu ihr gerühret: “Du arme Lore Lay! Wer hat dich denn verführet Zu böser Zauberei?”
“Herr Bischof laßt mich sterben, Ich bin des Lebens müd, Weil jeder muß verderben, Der meine Augen sieht.
Die Augen sind zwei Flammen, Mein Arm ein Zauberstab - O legt mich in die Flammen! O brechet mir den Stab!”
“Ich kann dich nicht verdammen, Bis du mir erst bekennt, Warum in diesen Flammen Mein eigen Herz schon brennt.
Den Stab kann ich nicht brechen, Du schöne Lore Lay! Ich müßte dann zerbrechen Mein eigen Herz entzwei.”
“Herr Bischof mit mir Armen Treibt nicht so bösen Spott, Und bittet um Erbarmen, Für mich den lieben Gott.
Ich darf nicht länger leben, Ich liebe keinen mehr - Den Tod sollt Ihr mir geben, Drum kam ich zu Euch her. -
Mein Schatz hat mich betrogen, Hat sich von mir gewandt, Ist fort von hier gezogen, Fort in ein fremdes Land.
Die Augen sanft und wilde, Die Wangen rot und weiß, Die Worte still und milde Das ist mein Zauberkreis.
Ich selbst muß drin verderben, Das Herz tut mir so weh, Vor Schmerzen möcht’ ich sterben, Wenn ich mein Bildnis seh'.
Drum laßt mein Recht mich finden, Mich sterben, wie ein Christ, Denn alles muß verschwinden, Weil er nicht bei mir ist.”
Drei Ritter läßt er holen: “Bringt sie ins Kloster hin, Geh Lore! - Gott befohlen Sei dein berückter Sinn.
Du sollst ein Nönnchen werden, Ein Nönnchen schwarz und weiß, Bereite dich auf Erden Zu deines Todes Reis’.” Zum Kloster sie nun ritten, Die Ritter alle drei, Und traurig in der Mitten Die schöne Lore Lay.
“O Ritter laßt mich gehen, Auf diesen Felsen groß, Ich will noch einmal sehen Nach meines Lieben Schloß.
Ich will noch einmal sehen Wohl in den tiefen Rhein, Und dann ins Kloster gehen Und Gottes Jungfrau sein.”
Der Felsen ist so jähe, So steil ist seine Wand, Doch klimmt sie in die Höhe, Bis daß sie oben stand.
Es binden die drei Ritter, Die Rosse unten an, Und klettern immer weiter, Zum Felsen auch hinan.
Die Jungfrau sprach: “da gehet Ein Schifflein auf dem Rhein, Der in dem Schifflein stehet, Der soll mein Liebster sein.
Mein Herz wird mir so munter, Er muß mein Liebster sein! -” Da lehnt sie sich hinunter Und stürzet in den Rhein.
Die Ritter mußten sterben, Sie konnten nicht hinab, Sie mußten all verderben, Ohn’ Priester und ohn’ Grab.
Wer hat dies Lied gesungen? Ein Schiffer auf dem Rhein, Und immer hat’s geklungen Von dem drei Ritterstein:
Lore Lay Lore Lay Lore Lay
Als wären es meiner drei.
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Interpretation
Das Gedicht "Zu Bacharach am Rheine" von Clemens Brentano handelt von der schönen und geheimnisvollen Lore Lay, die als Zauberin am Rhein lebt und viele Männer in ihren Bann zieht. Der Bischof lässt sie vorführen, doch statt sie zu verurteilen, zeigt er sich von ihrer Schönheit gerührt. Lore Lay bittet darum, hingerichtet zu werden, da sie glaubt, dass alle, die ihre Augen sehen, zugrunde gehen müssen. Der Bischof kann ihr nicht den Tod geben und schickt sie stattdessen ins Kloster. Auf dem Weg zum Kloster bittet Lore Lay darum, noch einmal einen Blick auf das Schloss ihres Geliebten werfen zu dürfen. Als sie ein Schiff auf dem Rhein erblickt, ist sie sich sicher, dass ihr Liebster darin ist. In ihrer Aufregung stürzt sie sich von einem Felsen in den Rhein. Die drei Ritter, die sie begleitet haben, können ihr nicht folgen und kommen ebenfalls ums Leben. Das Gedicht endet mit der Frage, wer dieses Lied gesungen hat, und verweist auf den drei Ritterstein, der an das tragische Schicksal der Lore Lay erinnert. Das Gedicht zeichnet ein düsteres und tragisches Bild von der Lore Lay, die von ihrer eigenen Schönheit und Anziehungskraft gefangen ist. Sie glaubt, dass sie anderen Menschen nur Schaden zufügen kann und bittet daher um ihren eigenen Tod. Der Bischof hingegen sieht in ihr eine unschuldige, von ihrer Gabe geplagte Seele und versucht, ihr durch die Klostererziehung zu helfen. Doch am Ende kann auch er Lore Lay nicht vor ihrem Schicksal bewahren. Das Gedicht thematisiert die ambivalente Natur der Schönheit und Anziehungskraft. Lore Lay wird einerseits als begehrenswert und faszinierend beschrieben, andererseits als gefährlich und verhängnisvoll. Die Geschichte der Lore Lay ist ein klassisches Motiv der Romantik, das von der unerfüllten Liebe und dem tragischen Ende einer schönen Frau erzählt. Das Gedicht verweist auch auf die Legende der Loreley, einer sagenhaften Wassernixe, die am Rhein ihr Unwesen treibt und Schiffer in den Tod lockt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sie war so schön und feine
- Anapher
- Und brachte viel zu schanden / Der Männer rings umher, / Aus ihren Liebesbanden / War keine Rettung mehr.
- Hyperbel
- Weil jeder muß verderben, / Der meine Augen sieht
- Kontrast
- Die Augen sanft und wilde, / Die Wangen rot und weiß
- Metapher
- Die Augen sind zwei Flammen
- Personifikation
- Mein Herz wird mir so munter
- Symbolik
- Ein Nönnchen schwarz und weiß
- Wiederholung
- Lore Lay / Lore Lay / Lore Lay