Zornige Sehnsucht
1784Ich duld es nimmer! ewig und ewig so Die Knabenschritte, wie ein Gekerkerter Die kurzen vorgemeßnen Schritte Täglich zu wandeln, ich duld es nimmer!
Ists Menschenlos - ists meines? ich trag es nicht, Mich reizt der Lorbeer, - Ruhe beglückt mich nicht, Gefahren zeugen Männerkräfte, Leiden erheben die Brust des Jünglings.
Was bin ich dir, was bin ich, mein Vaterland? Ein siecher Säugling, welchen mit tränendem, Mit hoffnungslosem Blick die Mutter In den gedultigen Armen schaukelt.
Mich tröstete das blinkende Kelchglas nie, Mich nie der Blick der lächelnden Tändlerin, Soll ewig Trauern mich umwolken? Ewig mich töten die zornge Sehnsucht?
Was soll des Freundes traulicher Handschlag mir, Was mir des Frühlings freundlicher Morgengruß, Was mir der Eiche Schatten? was der Blühenden Rebe, der Linde Düfte?
Beim grauen Mana! nimmer genieß ich dein, Du Kelch der Freuden, blinkest du noch so schön, Bis mir ein Männerwerk gelinget, Bis ich ihn hasche, den ersten Lorbeer.
Der Schwur ist groß. Er zeuget im Auge mir Die Trän, und wohl mir, wenn ihn Vollendung krönt, Dann jauchz auch ich, du Kreis der Frohen, Dann, o Natur, ist dein Lächeln Wonne.
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Interpretation
Das Gedicht "Zornige Sehnsucht" von Friedrich Hölderlin thematisiert die unerträgliche Enge des alltäglichen Lebens und den sehnlichen Wunsch nach Freiheit und Größe. Der Sprecher kann die "kurzen vorgemeßnen Schritte" nicht länger ertragen und sehnt sich nach Gefahren und Leiden, die "Männerkräfte" zeugen und die Brust des Jünglings erheben. Er fühlt sich wie ein "siechlicher Säugling" in den Armen seiner Heimat und wird von der "zornigen Sehnsucht" gequält. Die Sehnsucht des Sprechers richtet sich auf die Anerkennung durch die Gesellschaft, symbolisiert durch den Lorbeer als Auszeichnung für besondere Leistungen. Er schwört, sich nicht dem Genuss der "Freuden" hinzugeben, bis er ein "Männerwerk" vollbracht und den Lorbeer errungen hat. Die "zornige Sehnsucht" ist dabei ein treibender Motor, der den Sprecher antreibt, sich über die Grenzen des Gewöhnlichen hinaus zu wagen. Am Ende des Gedichts klingt eine vorsichtige Zuversicht an. Der Sprecher schwört einen "großen Schwur" und hofft, dass ihn die "Vollendung" krönen wird. Dann könne er sich den "Frohen" anschließen und die "Wonne" der Natur genießen. Die "zornige Sehnsucht" hat somit das Potenzial, den Sprecher zu Größe zu führen, wenn er es schafft, sie in produktive Bahnen zu lenken und seine Ziele zu verwirklichen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Was mir des Freundes traulicher Handschlag mir, / Was mir des Frühlings freundlicher Morgengruß, / Was mir der Eiche Schatten? was der / Blühenden Rebe, der Linde Düfte?
- Apostrophe
- Du Kelch der Freuden, blinkest du noch so schön
- Hyperbel
- Ewig mich töten die zornge Sehnsucht
- Metapher
- Der Schwur ist groß
- Personifikation
- Mich tröstete das blinkende Kelchglas nie
- Symbolik
- der erste Lorbeer