Zorn eines Verliebten
1708Brief und Wink verhießen mir schon um zwei die liebste Schöne; doch der Zeiger ging auf vier, und mir fehlte noch Climene.
So Geduld als Zeit verstrich, und ich schwur, den Trug zu rächen; endlich aber wies sie sich, endlich hielt sie ihr Versprechen.
“Wie so schön”, sagt′ ich aus Hohn, “hast du alles wahrgenommen! Nur zwei Stunden wart′ ich schon; konntest du nicht später kommen?”
Da mein Eifer Raum gewann, wollt′ ich sie noch schärfer lehren; doch: “was lärmst du”, hub sie an, “wird man mich denn auch nicht hören?
Ach! Was hab ich itzt vor Schmerz von der Rosenknosp′ erlitten, die mir rechts bis an das Herz von der Brust hinabgeglitten!
O wie drückt′s mich! Himmel, wie! Hier, hier in der linken Seite! Sieh nur selbst, mir glaubst du nie; doch was glaubt ihr klugen Leute!”
Sie entblößte Hals und Brust, mir der Knospe Druck zu zeigen: Plötzlich hieß der Thron der Lust mich und die Verweise schweigen.
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Interpretation
Das Gedicht "Zorn eines Verliebten" von Friedrich von Hagedorn erzählt von der Enttäuschung eines Liebhabers, der auf seine Geliebte wartet. Er hatte ein Treffen um zwei Uhr verabredet, doch sie lässt ihn bis vier warten. In seiner Ungeduld schwört er, sich für die Täuschung zu rächen, doch als sie endlich erscheint, hält sie ihr Versprechen. Der Liebhaber reagiert mit spöttischen Bemerkungen auf ihre Verspätung, doch seine Geliebte entgegnet ihm, dass er sich nicht so laut aufregen soll. Sie erklärt ihm, dass sie unter Schmerzen litt, weil eine Rosenknospe, die sie trug, ihr ins Herz gedrückt hatte. Um ihm den Beweis zu zeigen, entblößt sie Hals und Brust. Der Anblick ihrer entblößten Schönheit bringt den Liebhaber zum Schweigen und lässt ihn alle Vorwürfe vergessen. Die körperliche Anziehungskraft der Geliebten übertrumpft seine anfängliche Enttäuschung und Wut. Das Gedicht endet damit, dass der Liebhaber den Thron der Lust betritt und alle Vorwürfe verstummen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Rosenknosp′ erlitten
- Direkte Rede
- Ach! Was hab ich itzt vor Schmerz von der Rosenknosp′ erlitten
- Enjambement
- Brief und Wink verhießen mir schon um zwei die liebste Schöne
- Hyperbel
- bis an das Herz
- Ironie
- Was hab ich itzt vor Schmerz von der Rosenknosp′ erlitten
- Metapher
- der Thron der Lust
- Personifikation
- und der Zeiger ging auf vier
- Rhetorische Frage
- konntest du nicht später kommen?
- Vergleich
- die mir rechts bis an das Herz von der Brust hinabgeglitten