Zensurdebatte
1918Im Reichstag haben sie über Zensur gesprochen und alle Mißgriffe derselben fürchterlich gerochen.
Herr Gothein hat es ausführlich in den Saal hineingeredet, groß sei das Debet derselben, aber klein ihr Kredit.
Und auch Herr Müller-Meiningen hat sich dahin ausgelassen: neben England müsse man dieselbe am meisten hassen.
Dann haben sich aber die Vertreter der Regierung erhoben und sagten: man müsse dieselbe ertragen, aber nicht loben.
Und wenn die Offiziersburschen mit den Dienstmädchen gingen, so sei das geheim; über Truppenbewegungen dürfe man nichts bringen.
Und auch Herr von Tirpitz gehöre wie die Papierverteilung zu denjenigen Sachen, deren diskrete Geheimhaltung vor den Feinden uns viele Sorgen machen.
Und so wurde noch allerhand hin-, beziehungsweise herverhandelt. Es steht aber nicht zu befürchten, dass sich in nächster Zeit etwas wandelt.
Und wie in alten Schultagen fühl ich beklommen: Wir haben eine miserable Zensur bekommen!
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Interpretation
Das Gedicht "Zensurdebatte" von Kurt Tucholsky kritisiert auf satirische Weise die Debatte über Zensur im Reichstag. Tucholsky persifliert die Reden verschiedener Politiker, die sich alle nur um die eigene Position und nicht um die Sache selbst sorgen. Er zeigt auf, wie die Zensur dazu benutzt wird, unliebsame Informationen zu unterdrücken und die Macht der Regierung zu sichern. Die Zensur wird als ein Instrument der Machterhaltung dargestellt, das dazu dient, die Bevölkerung im Unklaren zu lassen und Kritik im Keim zu ersticken. Tucholsky macht sich über die Doppelzüngigkeit der Politiker lustig, die einerseits die Zensur kritisieren, andererseits aber dafür plädieren, sie "ertragen" zu müssen. Die absurden Beispiele für zensierte Inhalte, wie etwa "Offiziersburschen mit den Dienstmädchen" oder "Tirpitz", verdeutlichen die Willkür und den Unsinn der Zensurpraxis. Tucholsky deutet an, dass sich trotz der Debatte nichts an der Zensur ändern wird. Die Politiker reden sich nur die Köpfe heiß, ohne dass es zu konkreten Reformen kommt. Die Zensur bleibt bestehen, da sie den Interessen der Mächtigen dient. Das Gedicht endet mit einem resignativen Fazit: Die Zensur ist "mies", aber wir müssen uns damit abfinden. Tucholsky drückt seine Enttäuschung über die Ohnmacht des Parlaments gegenüber den Zensurstreitkräften aus.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- groß sei das Debet derselben, aber klein ihr Kredit.
- Anapher
- Und auch Herr Müller-Meiningen hat sich dahin ausgelassen: neben England müsse man dieselbe am meisten hassen.
- Ironie
- Es steht aber nicht zu befürchten, dass sich in nächster Zeit etwas wandelt.
- Kontrast
- groß sei das Debet derselben, aber klein ihr Kredit.
- Metapher
- Herr Gothein hat es ausführlich in den Saal hineingeredet
- Reim
- Und wenn die Offiziersburschen mit den Dienstmädchen gingen, so sei das geheim; über Truppenbewegungen dürfe man nichts bringen.