Zeit

Ludwig Tieck

1798

So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise, Die Zeit nach ihrer alten Weise, Auf ihrem Wege taub und blind, Das unbefangne Menschenkind Erwartet stets vom nächsten Augenblick Ein unverhofftes seltsam neues Glück. Die Sonne geht und kehret wieder, Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder, Die Stunden die Wochen abwärts leiten, Die Wochen bringen die Jahreszeiten. Von aussen nichts sich je erneut, In Dir trägst du die wechselnde Zeit, In Dir nur Glück und Begebenheit.

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Illustration zu Zeit

Interpretation

Das Gedicht "Zeit" von Ludwig Tieck beschreibt die Zeit als eine unerbittliche und gleichförmige Kraft, die in einem ewigen Kreislauf verläuft. Die Zeit wird als taub und blind dargestellt, was ihre Unempfindlichkeit gegenüber menschlichen Wünschen und Erwartungen unterstreicht. Die Menschen, insbesondere die Kinder, erwarten stets neue und unerwartete Glücksmomente im nächsten Augenblick, was die menschliche Hoffnung und Sehnsucht nach Veränderung und Neuem widerspiegelt. Die Naturzyklen wie Sonnenaufgang und -untergang, Mondphasen und Jahreszeitenwechsel werden als äußere Zeichen der Zeit erwähnt, die sich jedoch nie wirklich erneuern. Tieck betont, dass die wahre Veränderung und das Glück nicht in der äußeren Welt zu finden sind, sondern in uns selbst. Die Zeit und ihre Wechselhaftigkeit tragen wir in uns, und nur in unserem Inneren finden wir die wahren Erfahrungen und das Glück. Abschließend vermittelt das Gedicht eine tiefe philosophische Botschaft über die Natur der Zeit und des menschlichen Daseins. Während die äußere Welt sich in einem unveränderlichen Kreislauf bewegt, liegt die wahre Essenz des Lebens und des Glücks in der inneren Erfahrung und Wahrnehmung des Individuums. Tieck lädt den Leser ein, sich auf die innere Reise zu begeben, um die wahre Bedeutung von Zeit und Glück zu verstehen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Taub und blind
Anapher
Die Stunden die Wochen abwärts leiten, Die Wochen bringen die Jahreszeiten
Chiasmus
Von aussen nichts sich je erneuert, In Dir trägst du die wechselnde Zeit
Kontrast
Das unbefangne Menschenkind Erwartet stets vom nächsten Augenblick Ein unverhofftes seltsam neues Glück
Metapher
Im ewig gleichen Kreise
Parallelismus
Die Sonne geht und kehret wieder, Kommt Mond und sinkt die Nacht hernieder
Personifikation
So wandelt sie, im ewig gleichen Kreise, Die Zeit nach ihrer alten Weise