Zeichen der Zeit

Christian Friedrich Daniel Schubart

1777

»Des Himmels Gestalt wißt ihr zu beurtheilen: Aber die Zeichen der Zeit prüfet ihr nicht.«

Hebt eure Hände, ihr Erdebewohner, Hebt sie zum hohen gewaltigen Throner Eure gefalteten Hände empor! Weinet dem Schwinger des Donners Eure Empfindungen vor.

Zornig erblickt Er die sündige Erde. Engel des Todes mit ernster Gebehrde Hat Er vom Throne heruntergesandt, Strafende Schwerter und Ruthen Trägt ihre mächtige Hand.

Blutgeschrey brüllet am Osten und Norden! Zahllose Streiter, gedungen zum Morden, Heben die nervigen Arme voll Wuth. Blut färbt die Scholle der Erde, Röthet die Welle der Fluth.

Grausamkeit wandelt mit Blicken des Tigers Schnaubend nach Leichen, zur Seite des Kriegers; Tröpfelnde Köpfe verbleichen am Speer. Wieherer hauen wie Flammen Unter dem tobenden Heer.

, der wilden Verzweiflung Geselle, , der schwärzeste Dämon der Hölle, Schwingt dort die Fackel in Schwefel getaucht. Ha, wie sein Mordstahl vom Blute Großer Gemordeten raucht!

Grimmig empört sich das Gallische Eden, Bürger ergreifen die Waffen und tödten. - Hört, wie des Aufruhrs Trommete erschallt! Unter den Fäusten der Wüther Beugt sich die Königsgewalt.

Freiheit! so donnert′s von Gauen zu Gauen. Und die Gewaltthat mit eisernen Klauen Malmet gethürmte Palläste zu Sand. Mächtige FrevIer verröcheln Unter der Rächenden Hand.

Freiheit! herunter vom Himmel gekommen, Hohe Gespielin der Weisen und Frommen! Edleren bringst du nur Segen und Ruh′; Aber ein Schwert in den Händen Rasender Völker bist du.

Fort aus dem Drange des wilden Getümmels! Seht ihr′s? da bersten die Schläuche des Himmels; Ströme verwüsten die Felder in Zorn. Dorten am Gipfel der Weide Faulet ernährendes Korn.

Gott, bist du müde die Völker zu dulden? Sind sie zu Bergen gethürmet die Schulden? Rüstest die strafenden Donner du schon? Tönet des Weltgerichts Glocke Bald mit gewaltigem Ton?

Rufe die Engel des Todes zurücke! Lächle uns wieder mit segnendem Blicke; Vater, sieh weinende Kinder vor dir. Sprich zu den tobenden Völkern: “Völker seyd stille vor mir!”

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Zeichen der Zeit

Interpretation

Das Gedicht "Zeichen der Zeit" von Christian Friedrich Daniel Schubart ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit den turbulenten politischen und sozialen Umbrüchen seiner Zeit. Schubart nutzt eine biblische Anklage, um die Ignoranz der Menschen gegenüber den "Zeichen der Zeit" zu kritisieren und appelliert an ihre Empathie und Reue. Das Gedicht beginnt mit einem Aufruf an die Menschen, ihre Hände zum Himmel zu erheben und ihre Gefühle dem "Schwinger des Donners" zu offenbaren. Schubart beschreibt eine wütende Gottheit, die die sündige Erde erblickt und einen Engel des Todes mit strafenden Waffen auf die Erde geschickt hat. Dieses Bild deutet auf eine göttliche Bestrafung für die Sünden der Menschheit hin. Der zweite Teil des Gedichts schildert die Gräuel des Krieges, die Schrecken der Gewalt und die Ausbreitung des Todes. Schubart verwendet eindringliche Bilder wie "Blutgeschrei", "zahllose Streiter" und "grausame Gewalt", um die Brutalität und das Chaos des Krieges zu vermitteln. Er erwähnt auch die Französische Revolution und den Aufstand der Bürger, die ihre Waffen ergreifen und die Königsgewalt stürzen. Im dritten Teil des Gedichts thematisiert Schubart die Idee der Freiheit. Er stellt fest, dass Freiheit ein zweischneidiges Schwert ist - sie kann Segen und Frieden bringen, aber auch als Waffe in den Händen rasender Völker dienen. Er ruft die Menschen dazu auf, sich aus dem "wilden Getümmel" zurückzuziehen und um göttliche Gnade zu bitten. Das Gedicht endet mit einem Appell an Gott, die Engel des Todes zurückzurufen und den tobenden Völkern Frieden zu bringen.

Schlüsselwörter

völker himmels hebt hände erde engel todes mächtige

Wortwolke

Wortwolke zu Zeichen der Zeit

Stilmittel

Alliteration
Zornig erblickt Er die sündige Erde.
Anapher
Hebt eure Hände, ihr Erdebewohner, Hebt sie zum hohen gewaltigen Throner
Apostrophe
Rufe die Engel des Todes zurücke!
Bildsprache
Blutgeschrey brüllet am Osten und Norden!
Hyperbel
Zahllose Streiter, gedungen zum Morden
Kontrast
Edleren bringst du nur Segen und Ruh'; Aber ein Schwert in den Händen Rasender Völker bist du.
Metapher
Zornig erblickt Er die sündige Erde.
Personifikation
Grausamkeit wandelt mit Blicken des Tigers
Rhetorische Frage
Gott, bist du müde die Völker zu dulden?
Symbolik
Freiheit! so donnert's von Gauen zu Gauen.