Zäzilie

Christian Morgenstern

1871

I

Das erste, des Zäzilie beflissen, ist dies: sie nimmt von Tisch und Stuhl die Bücher und legt sie Stück auf Stück, wie Taschentücher, jeweils nach bestem Wissen und Gewissen.

Desgleichen ordnet sie die Schreibereien, die Hefte, Mappen, Bleis und Gänsekiele, vor Augen nur das eine Ziel der Ziele, dem Genius Ordnung das Gemach zu weihen.

Denn Sauberkeit ist nicht zwar ihre Stärke, doch Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren. Ein Scheuerweib ist nicht an ihr verloren. Dafür ist Symmetrie in ihrem Werke.

II

Zäzilie soll die Fenster putzen, sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen.

“Durch meine Fenster muß man”, spricht die Frau, “so durchsehn können, daß man nicht genau erkennen kann, ob dieser Fenster Glas Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das.”

Zäzilie ringt mit allen Menschen-Waffen . . . Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen. Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei - und schlägt die Fenster allesamt entzwei!

Dann säubert sie die Rahmen von den Resten, und ohne Zweifel ist es so am besten. Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt: “So hat Zäzilie ja noch nie geputzt.”

Doch alsobald ersieht man, was geschehn, und sagt einstimmig: “Diese Magd muß gehn.”

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Illustration zu Zäzilie

Interpretation

Das Gedicht "Zäzilie" von Christian Morgenstern handelt von einer Haushaltshilfe namens Zäzilie, die sich durch ihre ungewöhnlichen Methoden und ihre exzentrische Persönlichkeit auszeichnet. Im ersten Teil des Gedichts wird Zäzilies Vorliebe für Ordnung und Sauberkeit beschrieben. Sie ordnet Bücher, Hefte, Schreibutensilien und andere Gegenstände akribisch an, um dem Genie einen geordneten Raum zu schaffen. Obwohl Sauberkeit nicht ihre Stärke ist, ist Ordnung ihr angeborenes Talent. Ihre Arbeit zeichnet sich durch Symmetrie aus, und sie ist eine wertvolle Hilfe im Haushalt. Im zweiten Teil des Gedichts geht es um Zäzilies Aufgabe, die Fenster zu putzen. Sie soll sie so sauber machen, dass man nicht erkennen kann, ob es sich um Glas oder bloße Luft handelt. Zäzilie versucht, diese Anforderung zu erfüllen, scheitert jedoch. In einem Anfall von Verzweiflung zerbricht sie schließlich alle Fenster. Anschließend säubert sie die Rahmen von den Resten, und sogar die Dame des Hauses ist zunächst überrascht von dieser ungewöhnlichen Methode. Die Interpretation des Gedichts könnte darauf hindeuten, dass Zäzilie eine kreative und unkonventionelle Persönlichkeit ist, die ihre eigenen Wege geht. Ihre exzentrischen Methoden führen zwar zu unerwarteten Ergebnissen, zeigen aber auch ihre Entschlossenheit und ihren Willen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Gedicht könnte als eine humorvolle Darstellung einer eigenwilligen Haushaltshilfe verstanden werden, die trotz ihrer Eigenheiten geschätzt wird.

Schlüsselwörter

zäzilie fenster ordnung stück muß spricht glas luft

Wortwolke

Wortwolke zu Zäzilie

Stilmittel

Alliteration
Sauberkeit ist nicht zwar ihre Stärke
Antithese
Sogar die Dame spricht zunächst verdutzt: So hat Zäzilie ja noch nie geputzt
Bildsprache
Durch meine Fenster muß man so durchsehn können, daß man nicht genau erkennen kann, ob dieser Fenster Glas Glas oder bloße Luft ist
Direkte Rede
Durch meine Fenster muß man so durchsehn können, daß man nicht genau erkennen kann, ob dieser Fenster Glas Glas oder bloße Luft ist. Merk dir das
Enjambement
Doch Ähnlichkeit mit Luft ist nicht zu schaffen. Zuletzt ermannt sie sich mit einem Schrei - und schlägt die Fenster allesamt entzwei
Hyperbel
So hat Zäzilie ja noch nie geputzt
Ironie
Zäzilie soll die Fenster putzen, sich selbst zum Gram, jedoch dem Haus zum Nutzen
Kontrast
Sauberkeit ist nicht zwar ihre Stärke, doch Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren
Metapher
Zäzilie nimmt von Tisch und Stuhl die Bücher und legt sie Stück auf Stück, wie Taschentücher
Personifikation
dem Genius Ordnung das Gemach zu weihen
Vergleich
wie Taschentücher
Wortwiederholung
Ordnung, Ordnung ist ihr eingeboren