XXIII.   Ich hôrte ûf der heide

Heinrich von Morungen

1225

I

Ich hôrte ûf der heide lûte stimme und süezen sanc. dâ von wart ich beide vröiden rîch und an trûren kranc. Nâch der mîn gedanc sêre ranc unde swanc, die vant ich ze tanze, dâ si sanc. âne leide ich dô spranc.

II

Ich vant sî verborgen eine und ir wengel von trehen naz, dâ si an dem morgen mînes tôdes sich vermaz. Der vil lieben haz tuot mir baz danne daz, dô ich vor ir kniewete, dâ si saz und ir sorgen gar vergaz.

III

Ich vant si an der zinne eine, und ich was zuo zir gesant. dâ mehte ichs ir minne wol mit vuoge hân gepfant. Dô wânde ich diu lant hân verbrant sâ zehant, wan daz mich ir süezen minne bant an den sinnen hât erblant.

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Illustration zu XXIII.   Ich hôrte ûf der heide

Interpretation

Das Gedicht "XXIII. Ich hôrte ûf der heide" von Heinrich von Morungen erzählt von einer intensiven Liebeserfahrung, die den Sprecher tief bewegt und verändert. Im ersten Teil hört der Sprecher auf der Heide einen süßen Gesang, der ihn zugleich erfreut und traurig macht. Die Musik versetzt ihn in einen Zustand der Sehnsucht und des Schwankens, und er möchte die Sängerin zum Tanzen auffordern. Ohne zu zögern springt er auf, getrieben von seiner Leidenschaft. Im zweiten Teil findet der Sprecher die Geliebte versteckt, allein mit ihren Dienerinnen, am Morgen nach einer Nacht voller Liebe. Er erkennt, dass die Glut ihrer Liebe ihm mehr genutzt hat als der Schmerz seiner Knie, als er vor ihr niederkniete. In ihrer Gegenwart vergisst er sogar seine Sorgen und Ängste. Im dritten Teil trifft der Sprecher die Geliebte an einem hohen Ort, wo er ihr seine Liebe mit Gesten zu verstehen geben möchte. Die Intensität ihrer süßen Liebe ist so stark, dass er sich vorstellt, das ganze Land würde in Flammen aufgehen. Ihre Liebe hat ihn so sehr in seinen Sinnen gefangen genommen, dass er sich wie betäubt fühlt. Insgesamt beschreibt das Gedicht die transformative Kraft der Liebe, die den Sprecher in einen Zustand der Ekstase und des Verzichts auf die Welt versetzt. Die Liebe wird als eine alles verzehrende Kraft dargestellt, die den Sprecher in ihren Bann zieht und ihm alle Sorgen und Ängste nimmt.

Schlüsselwörter

vant süezen sanc daz minne heide stimme wart

Wortwolke

Wortwolke zu XXIII.   Ich hôrte ûf der heide

Stilmittel

Alliteration
süezen sanc
Bildsprache
Ich vant sî verborgen eine und ir wengel von trehen naz
Hyperbel
dô wânde ich diu lant hân verbrant sâ zehant
Metapher
dâ von wart ich beide vröiden rîch und an trûren kranc
Personifikation
der vil lieben haz tuot mir baz danne daz