XXI. Ob ich dir vor allen wîben
1158I
Ob ich dir vor allen wîben guotes gan, sol ich des engelten, vrouwe, wider dich, stê daz dîner güete saeliclîchen an, sô lâz iemer in den ungenâden mich. Hab ich dar an missetân, die schulde rich, daz ich lieber liep zer werlte nie gewan: nâch der liebe sent ie mîn herze sich.
II
Ob ich iemer âne hôchgemüete bin, waz ist ieman in der werlte deste baz? gênt mir mîne tage mit ungemüete hin, die nâch vröiden ringent, den gewirret daz. Jâ, wirt daz ir ungewin, der valschen haz. die verkêrent underwîlent mir den sin: nieman solde nîden, ern wiste waz!
III
Vrowe, ob dû mir niht die werlt erleiden wil, sô rât unde hilf, mir ist ze lange wê, sît si jehent, ez sî niht ein kinde spil, dem ein wîp sô nâhen an sîn herze gê. Ich erkande mâze vil der sorgen ê, disiu sorge gêt mir vür der mâze zil: hiute baz und aber danne über morgen wê.
IV
Ich habe ir vil grôzer dinge her verjehen, herzeclîcher minne und ganzer staetekeit. des half mir diu rehte herzeliebe spehen. wol mich, hab ich al der werlte wâr geseit. Habe ich dar an missesehen, dâst mir leit. mir mac elliu saelde noch von ir geschehen: in weiz niht, waz schoener lîp in herzen treit.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "XXI. Ob ich dir vor allen wîben" von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die tiefe Liebe des Sprechers zu seiner Angebeteten zum Ausdruck bringt. Der Dichter versichert seiner Geliebten, dass er ihr gegenüber loyal und treu ist und bittet darum, im Falle eines Fehlverhaltens bestraft zu werden. Er betont, dass sein Herz immer nach ihrer Liebe strebt und er ohne sie unglücklich wäre. In der zweiten Strophe reflektiert der Sprecher über die Auswirkungen seiner unerwiderten Liebe auf sein Gemüt. Er fühlt sich niedergeschlagen und unglücklich, da seine Tage von Traurigkeit und Kummer erfüllt sind. Die unglückliche Liebe hat seinen Sinn für das Leben getrübt und er wünscht sich, dass andere Menschen die Schmerzen verstehen könnten, die er durchlebt. Die dritte Strophe richtet sich direkt an die Geliebte, die dem Sprecher die Welt verwehrt. Er bittet sie um Rat und Hilfe, da er die Qualen der unerfüllten Liebe nicht mehr ertragen kann. Er vergleicht seine Gefühle mit denen eines Kindes, das seiner Mutter nahe ist, und betont, dass er bereits viel Leid erfahren hat. Die Sorge um die Geliebte übersteigt alle Maße und er fürchtet, dass es ihm heute noch schlechter gehen wird als morgen. In der letzten Strophe gesteht der Sprecher ein, dass er in der Vergangenheit viele große Dinge aufgegeben hat, einschließlich einer tiefen und standhaften Liebe. Er bedauert, dass ihm die wahre herzliche Liebe nicht geholfen hat und er nun alles auf der Welt verloren hat. Dennoch hofft er, dass ihm seine Geliebte noch Gutes tun kann, da sie nicht weiß, welche schöne Liebe in seinem Herzen wohnt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- hyperbel
- sô lâz iemer in den ungenâden mich
- metapher
- in weiz niht, waz schoener lîp in herzen treit
- personifikation
- daz dîner güete saeliclîchen an
- rhetorische frage
- waz ist ieman in der werlte deste baz?