XXI.   Ob ich dir vor allen wîben

Heinrich von Morungen

1922

I

Ob ich dir vor allen wîben guotes gan, sol ich des engelten, vrouwe, wider dich, stê daz dîner güete saeliclîchen an, sô lâz iemer in den ungenâden mich. Hab ich dar an missetân, die schulde rich, daz ich lieber liep zer werlte nie gewan: nâch der liebe sent ie mîn herze sich.

II

Ob ich iemer âne hôchgemüete bin, waz ist ieman in der werlte deste baz? gênt mir mîne tage mit ungemüete hin, die nâch vröiden ringent, den gewirret daz. Jâ, wirt daz ir ungewin , der valschen haz. die verkêrent underwîlent mir den sin: nieman solde nîden, ern wiste waz!

III

Vrowe, ob dû mir niht die werlt erleiden wil, sô rât unde hilf, mir ist ze lange wê, sît si jehent, ez sî niht ein kinde spil, dem ein wîp sô nâhen an sîn herze gê. Ich erkande mâze vil der sorgen ê, disiu sorge gêt mir vür der mâze zil: hiute baz und aber danne über morgen wê.

IV

Ich habe ir vil grôzer dinge her verjehen, herzeclîcher minne und ganzer staetekeit. des half mir diu rehte herzeliebe spehen. wol mich, hab ich al der werlte wâr geseit. Habe ich dar an missesehen, dâst mir leit. mir mac elliu saelde noch von ir geschehen: in weiz niht, waz schoener lîp in herzen treit.

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Illustration zu XXI.   Ob ich dir vor allen wîben

Interpretation

Das Gedicht "XXI. Ob ich dir vor allen wîben" von Heinrich von Morungen thematisiert die unerschütterliche Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau, die er über alle anderen stellt. In der ersten Strophe schwört der Sprecher, dass seine Liebe zu dieser Frau so stark ist, dass er lieber auf alles andere in der Welt verzichten würde, wenn sie ihm nicht wohlgesonnen wäre. Er betont, dass sein Herz seit jeher nach dieser Liebe strebt. Die zweite Strophe beschreibt die emotionale Abhängigkeit des Sprechers von der Geliebten. Ohne ihre hohe Gunst fühlt er sich elend und seine Tage vergehen ohne Freude. Die "falschen Feinde" (vermutlich andere Verehrer oder Neider) verwirren seinen Sinn, und er deutet an, dass nur jemand, der diese Art von Liebe kennt, verstehen kann, wie tief seine Gefühle sind. In der dritten Strophe wendet sich der Sprecher direkt an die Frau und bittet sie, ihm entweder die Welt zu gewähren oder ihm zu helfen, da er es nicht mehr lange aushalten kann. Er vergleicht seine Sehnsucht mit der eines Kindes, das nach seiner Mutter verlangt, und gesteht, dass diese Sorge seine früheren Leiden übertrifft. Er fürchtet, dass es heute schlimmer wird und morgen noch schlimmer sein wird. Die letzte Strophe reflektiert über die Opfer, die das lyrische Ich für diese Liebe gebracht hat, einschließlich des Verzichts auf ein ruhiges und gesundes Leben. Trotzdem bereut er es nicht, da die wahre Herzensliebe ihm geholfen hat. Er schließt mit der Aussage, dass selbst wenn er einen Fehler gemacht hat, der ihm schadet, alles Glück von ihr kommen könnte, da sie nicht weiß, was für ein schöner Leib (vermutlich metaphorisch für ihre Persönlichkeit oder ihren Geist) in ihrem Herzen wohnt.

Schlüsselwörter

daz werlte waz niht iemer hab dar herze

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Vrowe, ob dû mir niht die werlt erleiden wil
Anapher
Ob ich dir vor allen wîben guotes gan
Enjambement
Ich erkande mâze vil der sorgen ê
Hyperbel
sô lâz iemer in den ungenâden mich
Kontrast
hiute baz und aber danne über morgen wê
Metapher
daz ich lieber liep zer wertle nie gewan
Paradox
nieman solde nîden, ern wuste waz
Personifikation
die verkêrent underwîlent mir den sin
Rhetorische Frage
Ob ich dir vor allen wîben guotes gan
Vergleich
dem ein wîp sô nâhen an sîn herze gê