XV.   Ez tuot vil wê

Heinrich von Morungen

1150

I

Ez tuot vil wê, swer herzeclîche minnet an sô hôher stat, dâ sîn dienst gar versmât. sîn tumber wân vil lützel dar ane gewinnet, swer sô vil geklaget, daz ze herzen niht engât. Er ist vil wîse, swer sich sô wol versinnet, daz er dient, dâ man sîn dienst wol enpfât, und sich dar lât , dâ man sîn genâde hât.

II

Ich bedarf vil wol, daz ich genâde vinde, wan ich hab ein wîp ob der sunnen mir erkorn. dêst ein nôt, die ich niemer überwinde, sîn gesaehe mich ane, als si tet hie bevorn. Si ist mir liep gewest dâ her von kinde, wan ich wart dur sî und durch anders niht geborn. ist ir daz zorn , daz weiz got, sô bin ich verlorn.

III

Wâ ist nu hin mîn liehter morgensterne? wê, waz hilfet mich, daz mîn sunne ist ûf gegân? si ist mir ze hôh und ouch ein teil ze verne gegen mittem tage unde wil dâ lange stân. Ich gelebte noch den lieben âbent gerne, daz si sich her nider mir ze trôste wolte lân, wand ich mich hân gar verkapfet ûf ir wân.

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Illustration zu XV.   Ez tuot vil wê

Interpretation

Das Gedicht "XV. Ez tuot vil wê" von Heinrich von Morungen thematisiert die unerwiderte Liebe und die damit verbundenen Qualen. Im ersten Teil reflektiert der Sprecher über die Torheit, seine Liebe auf einen zu hohen Standpunkt zu richten, wo sie unbeachtet bleibt. Er erkennt, dass Weisheit darin liegt, seine Dienste dort anzubieten, wo sie auch gewürdigt werden. Im zweiten Teil offenbart der Sprecher seine tiefe Abhängigkeit von der Gunst der Angebeteten. Er beschreibt sie als sein gewähltes "Weib" über der Sonne, dessen Anblick ihm unentbehrlich ist. Die Trennung von ihr bedeutet für ihn den Verlust seiner Existenz, da er durch sie geboren wurde. Das drohende "Zorn" der Geliebten bedeutet für ihn den sicheren Untergang. Im dritten Teil beklagt der Sprecher den Verlust seiner "liehten Morgensterne", die für die Geliebte stehen. Er sehnt sich nach dem Abend, in der Hoffnung, dass sie sich ihm zuwenden und Trost spenden möge. Doch er fühlt sich durch seine unerfüllte Sehnsucht verhärtet und gefangen in seiner eigenen Leidenschaft.

Schlüsselwörter

daz vil swer wol dienst gar dar ane

Wortwolke

Wortwolke zu XV.   Ez tuot vil wê

Stilmittel

Alliteration
sô sô
Anapher
dâ man sîn dienst wol enpfât, und sich dar lât
Bildlichkeit
liehter morgensterne
Hyperbel
daz ich niemer überwinde
Kontrast
hôh und ouch ein teil ze verne
Metapher
verkapfet ûf ir wân
Personifikation
lieben âbent