XII. Ist ir liep mîn leit

Heinrich von Morungen

1844

I

Ist ir liep mîn leit und mîn ungemach, wie kan ich danne iemer mêre rehte werden vrô? sî getrûrte nie, swaz sô mir geschach. klaget ich ir mîn jâmer, sô stuont ir daz herze hô. Sîst noch hiute vor den ougen mîn, alse sî was dô, dô si minneclîche mir zuo sprach und ich si ane sach. ôwê, solte ich iemer stên alsô.

II

Sî hât liep ein kleine vogellîn, daz ir singet oder ein lützel nâch ir sprechen kan. muost ich dem gelîch ir heimlich sîn, sô swüere ich des wol, daz nie vrowe solhen vogel gewan. Vür die nahtegal wolte ich hôhe singen dan: “ôwê, liebe schoene vrowe mîn, nû bin ich doch dîn, mahtu troesten mich vil senenden man!”

III

Sîst mit tugenden und mit werdecheit sô behuot vor aller slahte unvrowelîcher tât, wan des einen, daz si mir verseit ir gnâde unde mînen dienest sô verderben lât. Wol mich des, daz sî mîn herze sô besezzen hât, daz der stat dâ nieman wirt bereit als ein hâr sô breit, swenne ir rehtiu liebe mich bestât.

IV

Hôher wunne hât uns got gedâht an den reinen wîben, die er in rehter güete werden lie. daz vil manigen herzen wol ist kunt. von ir rôten munt ist gehoehet dicke mir der muot. Von ir schoene kumt, swaz iemen vröiden hât. dâ von müezens iemer geêret sîn, sît diu vröide mîn gar an einer hôchgelobten stât.

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Illustration zu XII.   Ist ir liep mîn leit

Interpretation

Das Gedicht "XII. Ist ir liep mîn leit" von Heinrich von Morungen ist ein Minnelied, das die tiefe Liebe und Sehnsucht des Sprechers zu seiner Angebeteten zum Ausdruck bringt. In der ersten Strophe beschreibt der Sprecher, wie sehr ihn seine Liebe und sein Kummer belasten und wie er sich danach sehnt, wieder Freude empfinden zu können. Er betont, dass seine Angebetete immer in seinen Augen präsent ist und dass er sich an die Momente erinnert, in denen sie ihm liebevoll begegnet ist. In der zweiten Strophe vergleicht der Sprecher seine Angebetete mit einem kleinen Vogel, der ihr nachahmen kann. Er schwört, dass er, wenn er ihr ähnlich sein könnte, niemals eine andere Frau gewinnen würde. Er drückt seinen Wunsch aus, ihr seine Liebe zu gestehen und sie um Trost zu bitten. Die dritte Strophe betont die Tugendhaftigkeit und den guten Ruf der Angebeteten. Der Sprecher warnt davor, ihr untreu zu sein, da dies seine Gunst und seinen Dienst bei ihr gefährden würde. Er ist stolz darauf, dass sie sein Herz so sehr in Beschlag genommen hat, dass kein anderer Mann an sie herankommen kann, solange er in ihr treu liebt. In der letzten Strophe preist der Sprecher die hohe Wonne, die Gott den reinen Frauen in seiner Güte gegeben hat. Er betont, dass viele Herzen von ihrer Schönheit erhoben werden und dass ihre roten Lippen seinen Mut stärken. Er schließt mit der Aussage, dass die Freude, die er empfindet, von ihrer hohen Stellung und ihrem Lob kommt.

Schlüsselwörter

daz iemer wol liep kan nie swaz herze

Wortwolke

Wortwolke zu XII.   Ist ir liep mîn leit

Stilmittel

Alliteration
Ist ir liep mîn leit und mîn ungemach
Anapher
sô swüere ich des wol, daz nie vrowe solhen vogel gewan
Hyperbel
wol mich des, daz sî mîn herze sô besezzen hât
Metapher
Sî hât liep ein kleine vogellîn
Rhetorische Frage
wie kan ich danne iemer mêre rehte werden vrô?
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