XI b. Ich iemer der ander
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Ich bin iemer der ander, niht der eine der grôzen liebe, der ich nie wart vrî. ôwê, waeren die huotaere algemeine toup unde blint, swenne ich ir waere bî, Sô möhte ich mîn leit eteswenne mit gelâze ir künden unde mich mit rede zuo ir gevründen, sô wurde ir wunder vil von mir geseit.
II
Mîner ougen tougenlîchez sehen, daz ich ze boten an si senden muoz, daz neme durch got von mir vür ein vlêhen, und obe si lache, daz sî mîn gruoz. Ich enweiz, wer dâ sanc: “ein sitich unde ein star âne sinne wol gelerneten, daz siu sprâchen ′minne′.” wol, sprich daz unde habe des iemer danc.
III
Wolte sî mîn denken vür daz sprechen und mîn trûren vür die klage verstân, sô müese in der niuwen rede gebrechen. owê, daz iemen sol vür vuoge hân, Daz er sêre klage, daz er doch von herzen niht meinet, alse einer trûret unde weinet unde er sîn niemen kan gesagen.
IV
Sît siu herzeliebe heizent minne, so enweiz ich niht, wie diu liebe heizen sol. herzeliebe wont in mînem sinne. liep hân ich gerne, leides enbaere ich wol. Diu guote diu gît mir hôhen muot, dar zuo vröide unde wunne. sô enweiz ich, waz diu liebe kunne, wan daz ich iemer trûren muoz nâch ir.
V
Sî ensol niht allen liuten lachen alse von herzen, sam si lachet mir, und ir ane sehen sô minneclîchen machen. waz hât aber ieman daz ze schouwen an ir, Der ich leben sol, und an der ist al mîn wunne behalten? joch enwil ich niemer des eralten, swenne ich si sîhe, mir ensî von herzen wol.
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Interpretation
Das Gedicht XI b. Ich iemer der ander von Heinrich von Morungen handelt von der unerfüllten Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau. In den fünf Strophen des Gedichts beschreibt der Sprecher seine Sehnsucht und seine Gefühle, die er nicht ausdrücken kann. In der ersten Strophe beklagt der Sprecher, dass er immer der andere ist und nie der eine große Liebe, der frei war. Er wünscht sich, dass seine Leiden allgemein bekannt wären, damit er sie mit Gelassenheit zeigen und sich mit Worten der Frau erklären könnte. Doch er befürchtet, dass viel zu viel von ihm gesagt würde. In der zweiten Strophe geht es um die Sehnsucht des Sprechers, die er durch seine Augen ausdrückt. Er schickt sie als Boten zu der Frau, in der Hoffnung, dass Gott sie vor Schaden bewahrt und dass sie ihm ihre Aufmerksamkeit schenkt. Er vergleicht sich mit einem sitzenden und einem stummen Vogel, die gelernt haben, "minne" zu sagen, und bittet sie, dies zu tun und ihm ewig dafür zu danken. Die dritte Strophe handelt von der Unfähigkeit des Sprechers, seine Gedanken und seine Trauer auszudrücken. Er wünscht sich, dass die Frau seine Gedanken vor seinen Worten und seine Trauer vor seinem Klagen verstehen würde. Doch er befürchtet, dass in der neuen Sprache ein Mangel entstehen würde. Er beklagt sich darüber, dass er schwere Klage vortäuschen muss, obwohl er sie nicht ernst meint, wie jemand, der trauert und weint, aber niemandem sagen kann, warum. In der vierten Strophe definiert der Sprecher die Liebe als herzeliebe, die in seinem Gemüt wohnt. Er hat gerne Liebe und erträgt gerne Leid. Die gute Liebe gibt ihm hohen Mut, Freude und Wonne. Er weiß, was die Liebe kann, denn er muss immer Trauer nach ihr empfinden. In der fünften und letzten Strophe wünscht sich der Sprecher, dass die Frau nicht allen Menschen mit demselben Herzen lächeln würde wie ihm. Er bittet sie, ohne ihn anzusehen, so liebevoll zu sein. Er fragt sich, wer einen Grund hätte, sie zu tadeln, da er von ihr leben und in ihr all seine Freude bewahren möchte. Er will nie aufhören, sie zu lieben, solange er sie sieht und sie ihm von Herzen gut ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- anapher
- Ich bin iemer der ander, niht der eine / der grôzen liebe, der ich nie wart vrî.
- metapher
- herzeliebe heizent minne
- personifikation
- Sît siu herzeliebe heizent minne
- rhetorische frage
- waz hât aber ieman daz ze schouwen an ir
- vergleich
- alse einer trûret unde weinet