Würde der Frauen
1782Ehret die Frauen! Sie flechten und weben Himmlische Rosen ins irdische Leben, Flechten der Liebe beglückendes Band, Und in der Grazie züchtigem Schleier Nähren sie wachsam das ewige Feuer Schöner Gefühle mit heiliger Hand.
Ewig aus der Wahrheit Schranken Schweift des Mannes wilde Kraft; Unstet treiben die Gedanken Auf dem Meer der Leidenschaft; Gierig greift er in die Ferne, Nimmer wird sein Herz gestillt; Rastlos durch entlegne Sterne Jagt er seines Traumes Bild.
Aber mit zauberisch fesselndem Blicke Winken die Frauen den Flüchtling zurücke, Warnend zurück in der Gegenwart Spur. In der Mutter bescheidener Hütte Sind sie geblieben mit schamhafter Sitte, Treue Töchter der frommen Natur.
Feindlich ist des Mannes Streben, Mit zermalmender Gewalt Geht der wilde durch das Leben, Ohne Rast und Aufenthalt. Was er schuf, zerstört er wieder, Nimmer ruht der Wünsche Streit, Nimmer, wie das Haupt der Hyder Ewig fällt und sich erneut.
Aber zufrieden mit stillerem Ruhme, Brechen die Frauen des Augenblicks Blume, Nähren sie sorgsam mitliebendem Fleiß, Freier in ihrem gebundenen Wirken, Reicher, als er, in des Wissens Bezirken Und in der Dichtung unendlichem Kreis.
Streng und stolz, sich selbst genügend, Kennt des Mannes kalte Brust, Herzlich an ein Herz sich schmiegend, Nicht der Liebe Götterlust, Kennet nicht den Tausch der Seelen, Nicht in Tränen schmilzt er hin; Selbst des Lebens Kämpfe stählen Härter seinen harten Sinn.
Aber wie leise vom Zephyr erschüttert, Schnell die äolische Harfe erzittert, Also die fühlende Seele der Frau. zärtlich geängstigt vom Bilde der Qualen Wallet der liebende Busen, es strahlen Perlend die Augen von himmlischem Tau.
In der Männer Herrschgebiete Gilt der Stärke trotzig Recht;
In der Welt verfälschtem Spiegel Sieht er seinen Schatten nur. Offen liegen ihm die Schätze Der Vernunft, der Phantasie; Nur das Bild auf seinem Netze, Nur das Nahe kennt er nie.
Aber die Bilder, die ungewiss wanken Dort auf der Flut der bewegten Gedanken In des Mannes verdüstertem Blick, Klar und getreu in dem sanfteren Weibe Zeigt sich der Seele kristallene Scheibe, Wirft sie der ruhige Spiegel zurück.
Mit dem Schwert beweist der Scythe, Und der Perser wird zum Knecht. Es befehden sich im Grimme Die Begierden wild und roh, Und der Eris raue Stimme Waltet, wo die Charis floh.
Aber mit sanft überredender Bitte Führen die Frauen den Zepter der Sitte, Löschen die Zwietracht, die tobend entglüht, Lehren die Kräfte, die feindlich sich hassen, Sich in der lieblichen Form zu umfassen, Und vereinen, was ewig sich flieht.
Aber für Ewigkeiten entschieden Ist in dem Weibe der Leidenschaft Frieden; Der Notwendigkeit heilige Macht Hütet der Züchtigkeit köstliche Blüte, Hütet im Busen des Weibes die Güte, Die der Wille nur treulos bewacht.
Aus der Unschuld Schoß gerissen, Klimmt zum Ideal der Mann Durch ein ewig streitend Wissen, Wo sein Herz nicht ruhen kann, Schwankt mit ungewissem Schritte, Zwischen Glück und Recht geteilt, Und verliert die schöne Mitte, Wo die Menschheit fröhlich weilt.
Aber in kindlich unschuldiger Hülle Birgt sich der hohe, geläuterte Wille In des Weibes verklärter Gestalt. Aus der bezauberten Einfalt der Züge Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege, Herrschet des Kindes, des Engels Gewalt.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Würde der Frauen" von Friedrich von Schiller ist eine Ode an die Frauen und ihre einzigartige Rolle in der Gesellschaft. Es vergleicht die weibliche Natur mit der männlichen und hebt die besonderen Qualitäten hervor, die Frauen auszeichnen. Der erste Teil des Gedichts beschreibt, wie Frauen durch ihre Liebe und Anmut das irdische Leben mit himmlischen Rosen schmücken. Sie sind die Hüterinnen der ewigen Flamme der schönen Gefühle und weben das glückselige Band der Liebe. Im Gegensatz dazu wird der Mann als unruhig und von seiner wilden Kraft getrieben dargestellt, der ständig nach neuen Erfahrungen und Idealen strebt, ohne jemals Ruhe zu finden. Der zweite Teil des Gedichts betont die sanftmütige und ausgleichende Natur der Frauen. Sie werden als treue Töchter der Natur beschrieben, die mit ihrem zauberischen Blick die Männer zurück in die Gegenwart rufen und ihnen den Wert der Stille und des Augenblicks vermitteln. Frauen werden als friedvoller und zufriedener mit ihrem Ruhm dargestellt, während Männer von Ehrgeiz und Konkurrenz getrieben sind. Im letzten Teil des Gedichts wird die Fähigkeit der Frauen hervorgehoben, Konflikte zu lösen und Harmonie zu schaffen. Sie werden als die wahren Herrscherinnen der Sitte und der Moral beschrieben, die in der Lage sind, gegensätzliche Kräfte in eine liebliche Form zu bringen und zu vereinen. Das Gedicht schließt mit der Aussage, dass in der Frau die Unschuld und der hohe Wille in verklärter Gestalt vereint sind, was sie zur Wiege und Vollendung der Menschheit macht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sturm und Drang
- Hyperbel
- Ewig fällt und sich erneuert
- Metapher
- Himmlische Rosen ins irdische Leben
- Personifikation
- Eris raue Stimme
- Vergleich
- Wie leise vom Zephyr erschüttert