Worte
1914Man hatte uns Worte vorgesprochen, die von nackter Schönheit und Ahnung und zitterndem Verlangen übergiengen.
Wir nahmen sie, behutsam wie fremdländische Blumen, die wir in unsrer Knabenheimlichkeit aufhiengen.
Sie versprachen Sturm und Abenteuer, Überschwang und Gefahren und todgeweihte Schwüre –
Tag um Tag standen wir und warteten, daß ihr Abenteuer uns entführe.
Aber Wochen liefen kahl und spurlos, und nichts wollte sich melden, unsre Leere fortzutragen.
Und langsam begannen die bunten Worte zu entblättern. Wir lernten sie ohne Herzklopfen sagen.
Und die noch farbig waren, hatten sich von Alltag und allem Erdwohnen geschieden:
Sie lebten irgendwo verzaubert auf paradiesischen Inseln in einem märchenblauen Frieden.
Wir wußten: sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken, die sich über unserm Knabenhimmel vereinten,
Aber an manchen Abenden geschah es, daß wir heimlich und sehnsüchtig ihrer verhallenden Musik nachweinten.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Worte" von Ernst Stadler beschreibt die Enttäuschung und den Verlust der anfänglichen Begeisterung für Worte und Sprache. Es beginnt mit der Vorstellung, dass Worte von nackter Schönheit und Ahnung erfüllt waren, voller Verlangen und Abenteuerlust. Die Sprecher des Gedichts nehmen diese Worte behutsam auf, wie fremdländische Blumen, und hängen sie in ihrer Knabenheimlichkeit auf. Sie erwarten, dass die Worte ihr Leben mit Sturm und Gefahr erfüllen werden, aber die Zeit vergeht, ohne dass sich etwas ereignet. Die Wochen vergehen kahl und spurlos, und die bunten Worte beginnen zu entblättern. Die Sprecher lernen, sie ohne Herzklopfen zu sagen, und die noch farbigen Worte haben sich von Alltag und Erdwohnen getrennt. Sie leben auf paradiesischen Inseln in einem märchenblauen Frieden, unerreichbar wie die weißen Wolken am Himmel. Die Sprecher wissen, dass sie diese Worte nicht erreichen können, aber manchmal weinen sie heimlich und sehnsüchtig ihrer verhallenden Musik nach. Das Gedicht reflektiert die Erfahrung des Erwachsenwerdens und die Enttäuschung, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass die anfängliche Begeisterung für Worte und Sprache nicht ewig anhält. Es zeigt den Verlust der Unschuld und die Anpassung an die Realität, in der Worte oft ihren Zauber verlieren und zu alltäglichen Werkzeugen werden. Gleichzeitig gibt es eine Sehnsucht nach der verlorenen Schönheit und der Magie der Worte, die in der Erinnerung weiterlebt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- daß wir heimlich und sehnsüchtig ihrer verhallenden Musik nachweinten.
- Personifikation
- Aber Wochen liefen kahl und spurlos, und nichts wollte sich melden, unsre Leere fortzutragen.
- Vergleich
- Wir wußten: sie waren unerreichbar wie die weißen Wolken, die sich über unserm Knabenhimmel vereinten.