Worte

John Henry Mackay

1864

Worte, die das Ohr, das sie hörte, nie vergißt, Worte, deren Klang allein schon wie Verheißung ist, Worte, voll von Liebe, schwer an Zärtlichkeit, Wie sie ihrem Abgott Liebe in verschwiegener Stunde weiht -

In den Becher deiner Jugend goß das Glück sie ein, Und du trankst, und wurdest trunken, trunken wie von altem Wein! Worte, einmal nur gesprochen, doch gebunden schon - Stürme, Lebensstürme brausten, und verschlangen ihren Ton - Worte, schwer an Liebe, arm an Sinn, Die gleich Eintagsfaltern spielen über blaue Blumen hin: Haben sie wie Nichts beseligt dich einmal, Als du auf die Höhen stiegest aus des Lebens dumpfem Tal…

Worte, hundertmal gehört schon, Worte, wirr und bunt - Aber so sprach sie allein nur der geliebte, schöne Mund, Die zu hören immer wieder nie dein Ohr verdroß, Bis dein Kuß als Antwort schweigend die ergebne Lippe schloß…

Worte, wesenlose Worte - niemals wurden sie Gestalt. Aber unermeßlich wurden sie in ihres Seins Gewalt: Wurden Leben, kommen wieder, und ihr Leben heischt Gewähr, Legen auf dein Herz sich mählich wie lebendige Sehnsucht schwer… Und nun foltert dich die Stimme, die der Wind verschlang - Immer hörst du ihren Tonfall, immer wieder ihren Klang…

Worte, voll von Liebe, und an Güte schwer: Wie die Bettler gehn sie flehend neben deinem Wege her… Unverscheuchbar… Tot die Stimme, die sie sprach, Doch du wirst sie hören noch an deines Lebens letztem Tag.

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Illustration zu Worte

Interpretation

Das Gedicht "Worte" von John Henry Mackay handelt von der unvergänglichen Kraft der gesprochenen Worte, insbesondere jener, die in der Jugend gehört und mit Liebe und Zärtlichkeit erfüllt wurden. Diese Worte, einmal gehört, bleiben im Gedächtnis haften und können nicht vergessen werden. Sie werden als eine Art Verheißung beschrieben, die das Herz berühren und das Leben prägen. Das Gedicht schildert, wie diese Worte in der Jugend wie ein berauschender Wein wirken, der einen in einen Zustand der Trunkenheit versetzt. Doch mit der Zeit werden sie von den Stürmen des Lebens verschluckt, verlieren an Sinn und werden zu etwas Vergänglichem, das wie Eintagsfalter über Blumen spielt. Die Worte, die einst von einem geliebten Mund gesprochen wurden, bleiben im Ohr des Hörers haften und werden nie lästig, selbst wenn sie hundertmal gehört wurden. Sie erlangen eine gewisse Gestaltlosigkeit, werden aber durch ihre Existenz und ihre Auswirkungen unermesslich. Sie werden zu einem Teil des Lebens, das immer wiederkehrt und eine Art Gewähr für die Sehnsucht des Herzens einfordert. Die Stimme, die diese Worte sprach, mag vom Wind verschluckt worden sein, doch der Tonfall und der Klang bleiben im Gedächtnis und quälen den Hörer, der sie immer wieder hört. Am Ende des Gedichts werden die Worte als bettelnde Wesen dargestellt, die flehend neben dem Weg des Lebens gehen. Obwohl die Stimme, die sie sprach, tot ist, werden sie bis zum letzten Tag des Lebens gehört. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass Worte, besonders jene, die mit Liebe und Zärtlichkeit gesprochen wurden, eine unauslöschliche Spur im menschlichen Herzen hinterlassen und selbst den Tod überdauern können.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Doch du wirst sie hören noch an deines Lebens letztem Tag
Personifikation
Unverscheuchbar... Tot die Stimme, die sie sprach
Vergleich
Wie die Bettler gehn sie flehend neben deinem Wege her