Wolkenüberflaggt
1890Blei-weiß die Fläche, wolkenüberflaggt, Darein zwei Segel schwarze Furchen graben. Zwei Uferbäume ragen hochgezackt, Die frühes Traumgrün auf den Zweigen haben.
Zwei Hunde keuchen übers Ufergras Und wollen eine heiße Stunde jagen. Zwei Schüler kommen, schlank und bücher-blass, Die scheue Liebe wie zwei Leuchter tragen.
Ein junger Dichter wacht auf einer Bank Und spricht, die Hände um sein Knie gefaltet: “Wie sind die Dinge heute sehnsuchts-krank!”
Und als er aufblickt, hat sich neu gestaltet Die Welt und ist erschütternd tränen-blank, - “Was”, ruft er, “hat mein Herz denn so zerspaltet!”
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Interpretation
Das Gedicht "Wolkenüberflaggt" von Ernst Wilhelm Lotz beschreibt eine Szene am Flussufer, die durch die Augen eines jungen Dichters betrachtet wird. Die Natur wird in kontrastreichen Farben dargestellt: die blei-weiße Fläche des Flusses, die schwarzen Furchen der Segel und die hochgezackten Uferbäume mit ihrem frühen Traumgrün. Diese Farben und Formen schaffen eine Atmosphäre, die sowohl statisch als auch dynamisch ist, da sich die Elemente der Natur und die menschlichen Aktivitäten zu einem lebendigen Bild verbinden. Die Anwesenheit der zwei Hunde, der beiden Schüler und des jungen Dichters fügt der Szene eine menschliche Dimension hinzu. Die Hunde, die keuchen und jagen wollen, symbolisieren die ungebändigte Energie und das Streben nach Freiheit. Die Schüler, die schüchterne Liebe wie Leuchter tragen, repräsentieren die Unschuld und die zarte Natur der ersten Liebe. Der Dichter, der auf einer Bank sitzt und über die Welt nachsinnt, verkörpert die tiefe Reflexion und die emotionale Sensibilität, die mit dem kreativen Prozess einhergehen. Die abschließenden Zeilen des Gedichts fangen einen Moment der Erkenntnis und der emotionalen Umwälzung ein. Der Dichter bemerkt, dass die Welt sich neu gestaltet hat und erschütternd tränen-blank erscheint. Diese Verwandlung der Wahrnehmung führt zu einer tiefen inneren Zerrissenheit, die in seinem Ausruf zum Ausdruck kommt: "Was hat mein Herz denn so zerspaltet!" Diese Zeilen verdeutlichen die intensive Verbindung zwischen der äußeren Natur und der inneren emotionalen Landschaft des Dichters, die durch die Beobachtung der Welt um ihn herum ausgelöst wird.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- schwarze Furchen graben
- Bildsprache
- zerspaltet
- Metapher
- Wie sind die Dinge heute sehnsuchts-krank
- Personifikation
- Traumgrün auf den Zweigen haben