Wolken
1887Der Toten Geister seid ihr, die zum Flusse, Zum überladnen Kahn der Wesenlosen Der Bote führt. Euer Rufen hallt im Tosen Des Sturms und in des Regens wildem Gusse.
Des Todes Banner wird im Zug getragen. Des Heers carroccio führt die Wappentiere. Und graunhaft weiß erglänzen die Paniere, Die mit dem Saum die Horizonte schlagen.
Es nahen Mönche, die in Händen bergen Die Totenlichter in den Prozessionen. Auf Toter Schultern morsche Särge thronen. Und Tote sitzen aufrecht in den Särgen.
Ertrunkene kommen. Ungeborner Leichen. Gehenkte blaugeschnürt. Die Hungers starben Auf Meeres fernen Inseln. Denen Narben Des schwarzen Todes umkränzen rings die Weichen.
Es kommen Kinder in dem Zug der Toten, Die eilend fliehn. Gelähmte vorwärts hasten. Der Blinden Stäbe nach dem Pfade tasten. Die Schatten folgen schreiend dem stummen Boten.
Wie sich in Windes Maul des Laubes Tanz Hindreht, wie Eulen auf dem schwarzen Flug, So wälzt sich schnell der ungeheure Zug, Rot überstrahlt von großer Fackeln Glanz.
Auf Schädeln trommeln laut die Musikanten, Und wie die weißen Segel blähn und knattern, So blähn der Spieler Hemden sich und flattern. Es fallen ein im Chore die Verbannten.
Das Lied braust machtvoll hin in seiner Qual, Vor der die Herzen durch die Rippen glimmen. Da kommt ein Haufe mit verwesten Stimmen, Draus ragt ein hohes Kreuz zum Himmel fahl.
Der Kruzifixus ward einhergetragen. Da hob der Sturm sich in der Toten Volke. Vom Meere scholl und aus dem Schoß der Wolke Ein nimmer endend grauenvolles Klagen.
Es wurde dunkel in den grauen Lüften. Es kam der Tod mit ungeheuren Schwingen. Es wurde Nacht, da noch die Wolken gingen Dem Orkus zu, den ungeheuren Grüften.
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Interpretation
Das Gedicht "Wolken" von Georg Heym ist eine düstere und verstörende Darstellung des Todes und seiner Begleiterscheinungen. Es zeichnet ein apokalyptisches Bild einer endlosen Prozession der Toten, die von einem stummen Boten angeführt wird. Die Wolken werden als Geister der Verstorbenen personifiziert, die in einem überladenen Kahn über einen Fluss geführt werden. Der Sturm und der wilde Regen begleiten diesen makabren Zug. Der zweite Teil des Gedichts beschreibt die verschiedenen Arten von Toten, die an dieser Prozession teilnehmen. Es werden Ertrunkene, Gehenkte, Hungers Gestorbene und Opfer der Pest genannt. Auch Kinder, Gelähmte und Blinde sind Teil dieses Zuges. Die Toten werden als lebendig dargestellt, sie sitzen aufrecht in ihren Särgen und folgen dem Boten. Die Atmosphäre ist von Grauen und Schrecken geprägt, verstärkt durch die Beschreibung der Musikanten, die auf Schädeln trommeln, und der Verbannten, die im Chor fallen. Im letzten Teil des Gedichts erreicht die Prozession ihren Höhepunkt mit der Ankunft eines Kreuzes und eines Kruzifixus. Der Sturm erhebt sich inmitten der Toten, und ein endloses, grauenvolles Klagen ertönt aus dem Meer und den Wolken. Die Dunkelheit breitet sich aus, und der Tod erscheint mit gewaltigen Schwingen. Die Nacht bricht herein, während die Wolken weiterziehen zum Orkus, den ungeheuren Gräbern. Das Gedicht endet mit einem Bild der Endgültigkeit und der Unausweichlichkeit des Todes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Des Todes Banner wird im Zug getragen
- Metapher
- Es wurde Nacht, da noch die Wolken gingen Dem Orkus zu, den ungeheuren Grüften
- Personifikation
- Da hob der Sturm sich in der Toten Volke
- Vergleich
- Und wie die weißen Segel blähn und knattern