Wohl rief ich sanft dich an mein Herz
1843Wohl rief ich sanft dich an mein Herz, Doch blieben meine Arme leer; Der Stimme Zauber, der du sonst Nie widerstandest, galt nicht mehr.
Was jetzt dein Leben füllen wird, Wohin du gehst, wohin du irrst, Ich weiß es nicht; ich weiß allein, Daß du mir nie mehr lächeln wirst.
Doch kommt erst jene stille Zeit, Wo uns das Leben läßt allein, Dann wird, wie in der Jugend einst, Nur meine Liebe bei dir sein.
Dann wird, was jetzt geschehen mag, Wie Schatten dir vorübergehn, Und nur die Zeit, die nun dahin, Die uns gehörte, wird bestehn.
Und wenn dein letztes Kissen einst Beglänzt ein Abendsonnenstrahl, Es ist die Sonne jenes Tags, Da ich dich küßte zum erstenmal.
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Interpretation
Das Gedicht "Wohl rief ich sanft dich an mein Herz" von Theodor Storm thematisiert die tiefe Trauer und das Gefühl des Verlustes, das der lyrische Ich-Erzähler nach der Trennung von seiner Geliebten empfindet. Die erste Strophe verdeutlicht die Nutzlosigkeit seiner Versuche, die Geliebte zurückzugewinnen, da seine Rufe und Umarmungen keine Wirkung mehr zeigen. Die Magie seiner Stimme, die sie einst verzauberte, hat ihre Kraft verloren. In der zweiten Strophe reflektiert der Erzähler über die Ungewissheit des zukünftigen Lebens der Geliebten und die Tatsache, dass sie ihm nie wieder ein Lächeln schenken wird. Dies unterstreicht die Endgültigkeit der Trennung und die damit verbundene emotionale Leere. Die dritte Strophe bietet jedoch einen Hoffnungsschimmer, indem sie von einer "stillen Zeit" spricht, in der das Leben sie allein lässt und nur die Liebe des Erzählers bei der Geliebten sein wird. Dies deutet auf eine spätere Wiedervereinigung im Jenseits hin. Die vierte Strophe verstärkt die Vorstellung, dass die gegenwärtigen Ereignisse und Erfahrungen wie Schatten vorübergehen werden, während die Zeit, die sie gemeinsam verbracht haben, ewig bestehen bleibt. Die letzte Strophe schließt mit einer symbolischen und romantischen Vorstellung: Wenn die Geliebte stirbt und ihr Kissen von einem Abendsonnenstrahl erhellt wird, wird es die gleiche Sonne sein, die an dem Tag schien, als der Erzähler sie zum ersten Mal küsste. Dies verbindet den Anfang ihrer Liebe mit ihrem Ende und betont die zeitlose Natur ihrer Verbundenheit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Wohl rief ich sanft dich an mein Herz
- Bildlichkeit
- Und wenn dein letztes Kissen einst / Beglänzt ein Abendsonnenstrahl
- Hyperbel
- Da ich dich küßte zum erstenmal
- Kontrast
- Doch blieben meine Arme leer
- Metapher
- Der Stimme Zauber
- Personifikation
- Wo uns das Leben läßt allein
- Vorahnung
- Und nur die Zeit, die nun dahin, / Die uns gehörte, wird bestehn
- Zeitmetaphorik
- Nur meine Liebe bei dir sein